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Die Ära Bismarck

Das Reich, um 1871. Mit der Einigung Deutschlands unter Kaiser Wilhelm I. (1871-1888) und seinem "Eisernen Kanzler" Otto von Bismarck war ein Wunsch vieler Menschen in Erfüllung gegangen.

Gründerzeit

Doch Deutschland war keine liberale Monarchie wie Großbritannien, und schon gar keine Demokratie wie die USA. Zwar wurde der Reichstag in freier, geheimer und allgemeiner Wahl aller Männer (!) gewählt, doch war der Reichskanzler mit seinem Kabinett nicht dem Reichstag, sondern dem Kaiser verpflichtet. Zugleich war er in Personalunion preußischer Ministerpräsident. In Preußen aber galt das Dreiklassenwahlrecht, welches nicht nur die Vermögenden bevorzugte, sondern große Teile der Bürger und die Arbeiterschaft von der politischen Partizipation ausschloss. Die alten Eliten stemmten sich gegen demokratische Reformen. Bismarck selbst machte nie einen Hehl daraus, dass er vom Parlamentarismus nicht viel hielt. Doch als Meister der Realpolitik verstand es, die Parteien für seine Politik einzusetzen und gegeneinander auszuspielen.

Gründerzeit

Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands bekam durch die Einigung einen gewaltigen Schub: Nach den Jahrhunderten der Kleinstaaterei wurden nun reichsweit einheitliche Maße, Gewichte und die Goldmark als Währung eingeführt. Ein einheitliches Bürgerliches, Handels- und Strafrecht sowie ein gleicher Instanzenweg vom Amtsgericht bis zum Reichsgericht schufen Rechtssicherheit. Durch die französischen Reparationsleistungen kam ein "Milliardensegen" ins Land. Die Wirtschaft boomte, neue Unternehmen wurden gegründet, in den Großstädten und Industriegebieten entstanden neue Fabriken und das Eisenbahnnetz wurde weiter erweitert. Wer das Geld hatte, kaufte Aktien und ließ sich eine prächtige Villa bauen. Doch die Weltwirtschaftskrise von 1875 traf die deutsche Wirtschaft schwer.

Katholiken und Protestanten

Seit dem Beginn der Preußenzeit gab es Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten. Nun, da das überwiegend katholische Österreich nicht mehr zum Reich gehörte, hatten die Protestanten ein deutliches Übergewicht. Auch das preußische Herrscherhaus und die Mitglieder der Regierung waren überwiegend protestantisch. Mehr und mehr entstanden konfessionelle Schulen. Die Zentrumspartei stand für den politischen Katholizismus und gewann immer mehr Anhänger.

Doch auch innerhalb der katholischen Kirche herrschte kein Friede. Vertreter der konservativen, päpstlichen Linie bekämpften die gemäßigt-konservativen bis liberalen Katholiken. Unter dem erzkonservativen Papst Pius IX. spitzte sich die Situation zu: Er ächtete nicht nur alle Anschauungen, die mit seiner nicht einhergingen, sondern ließ das Erste Vatikanische Konzil von 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen verkünden. Das ging vielen Gläubigen zu weit. Eine Minderheit unter den Katholiken lehnte dieses Dogma ab und schloss sich als "Altkatholiken" zusammen. Die Sanktionen der Kirche folgten prompt, u.a. wurden altkatholischen Lehrern und Professoren die Lehrbefugnis entzogen. Im Reichstag verlangte das Zentrum die Entlassung der unbotmäßigen alt-katholischen Lehrer. Außerdem sollte die kirchliche Freiheit in der Reichsverfassung verankert werden.

Bismarck lehnte ab, denn die Lehrkräfte waren staatliche Beamte und er fürchtete, dass die Autorität des Papstes die des Kaisers untergraben würde. Wohl kein Reichskanzler außer einem Zentrumspolitiker konnte zulassen, dass ein Papst derart in staatliche Belange hinein regiert. Bismarck wurde von den Nationalliberalen und Altkatholiken unterstützt.

Kulturkampf

Doch dann erließ Bismarck eine Reihe von Gesetzen, die nicht nur eine Trennung von Staat und Kirche garantieren, sondern die katholische Kirche in die Knie zwingen sollten und auch die evangelischen Christen zunehmend belasteten. Seine letzten Gesetze wurden von vielen, auch reichstreuen Protestanten, als Schikane empfunden. Bald wurden die Erzbischöfe von Münster, Trier und auch Paulus Melchers von Köln verhaftet. Bistümer und Pfarreien waren unbesetzt, katholische Schulen und Orden gab es nicht mehr. Auch der Oberpleiser Pfarrer musste das Pastorat verlassen. Doch der Kampf gab der katholischen Kirche auch Kraft: Neue Orden und Klöster, Krankenhäuser, Waisenhäuser und weitere karitative Einrichtungen entstanden.

Die katholische Presse fand großes Echo, das Zentrum fand immer mehr Anhänger. Der Kulturkampf belastete schließlich auch die protestantische Kirche, und Kaiserin Augusta ging sogar offen dagegen an. Bismarck erkannte, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte, und lenkte ein. Als 1878 Papst Pius IX. verstarb, handelte er mit dem neuen, moderaten Papst Leo XIII. einen Kompromiss aus. In den folgenden Jahren wurden die meisten Gesetze zurückgenommen. Bestehen blieben bis heute die staatliche Schulaufsicht und die Zivilehe.

Kölner Dom

Endlich, fast vierzig Jahre nach dem Dombaufest 1842, war der Kölner Dom fertiggestellt. Im August 1880 begaben sich Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta nach Köln, um der Feier der Vollendung des Doms beizuwohnen. Doch Erzbischof Melchers war nicht dabei, und die Atmosphäre war frostig. Die Einweihung des Kölner Doms am 15. Oktober 1880 sollte den Frieden zwischen Bismarcks Staat und der katholischen Kirche besiegeln, doch das Verhältnis blieb gespannt. In Augustas und Wilhelms Schloss Babelsberg gibt es einen herrlichen Tanzsaal über zwei Etagen, der die Inspiration durch den Kölner Dom deutlich erkennen lässt.

Sozialistengesetze

Der Kulturkampf war gerade beigelegt, da begann Bismarcks erbitterter Kampf gegen die Sozialisten. Dabei sah er die Not der Arbeiter und hielt es für die Pflicht des Staates, ihnen zu helfen. Mit Ferdinand Lassalle hatte er Gespräche geführt, denn anders als Marx und Engels, die in jedem Staat den Klassenfeind des Proletariats sahen und daher die Weltrevolution forderten, kämpfte Lasalle mit seinem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein für Verbesserungen innerhalb des Staates. Doch Lassalle fiel 1864 in einem Duell.

Wilhelm Liebknecht und August Bebel gründeten 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Ihre Ziele formulierte Bebel so: "Das Deutsche Reich, in Wirklichkeit nur ein erweitertes Preußen, war ein Klassenstaat und ein Militärstaat, und da sie Feinde des Klassenstaates waren, mussten sie auch Feinde des Reiches sein." Auch nach dem Zusammenschluss mit den Anhängern Lasalles zur SPD 1875 in Gotha blieb es bei dieser Grundhaltung. Damit war für Bismarck jede Zusammenarbeit unmöglich geworden. Als 1878 zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm verübt wurden, brachte er im Reichstag das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" ein, obwohl die Sozialisten keine Schuld traf. Es verbot alle sozialdemokratischen Vereine, Veranstaltungen, Presse und Bücher. In den folgenden zwölf Jahren wurden viele Sozialdemokraten zu Gefängnisstrafen verurteilt oder ausgewiesen. Doch das stärkte ihren Zusammenhalt und ihre Anhänger; die SPD gewann von Wahl zu Wahl mehr Stimmen.

Sozialgesetzgebung

Bismarck sah seinen Staat in der Pflicht, von sich aus erfüllen, "was in den sozialistischen Forderungen als berechtigt erscheint und in dem Rahmen der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung verwirklicht werden kann". Bismarck stellte sich dieser gewaltigen Aufgabe, um die Not der Industriearbeiter und ihrer Familien zu lindern und sie für den Staat und das Reich zu gewinnen. Gegen heftigsten Widerstand von rechts und links brachte er 1883-89 seine Sozialversicherungsgesetze durch: Krankenversicherung, Unfallversicherung sowie Alters- und Invalidenversicherung. Hinzu kamen Schutzvorschriften, der Frauen- und Kinderarbeit wurden engere Grenzen gesetzt. Bismarcks Sozialgesetzgebung war die fortschrittlichste in ganz Europa, und doch konnte sie die Arbeiterschaft nicht mit dem Staat versöhnen, die SPD gewann immer mehr Stimmen.

Außenpolitik

Das Deutsche Reich war ein neuer Machtfaktor in der Mitte Europas. Nun suchte Bismarck den Ausgleich mit den anderen europäischen Mächten; seine Außenpolitik konzentrierte sich darauf, Deutschland auf dem europäischen Festland zu sichern. Über Jahrzehnte schuf er ein hochkompliziertes Bündnissystem, das über 30 Jahre Frieden brachte. Zur gleichen Zeit dehnten England, Frankreich und Russland ihren Kolonialbesitz in Übersee gewaltsam aus. Bismarck zögerte lange, doch 1884/85 erwarb auch Deutschland Kolonien: Togo, Kamerun, Südwest- und Ostafrika, Kaiser-Wilhelm-Land auf Neu Guinea, den Bismarck-Archipel und die Marshall-Inseln.


Bild- und Quellenachweis

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