Die fernen Berge

Harvey Bergmann ist eine Figur aus meiner Auswanderergeschichte „Zuhause am Rhein und in Amerika“. Sein Vater Niklas stammt aus dem Siebengebirge; nach den Napoleonischen Kriegen war er mit Mutter und Bruder zu Verwandten in die USA gegangen. Er hatte Jenny geheiratet, deren Vater ebenfalls vom Rhein stammte. Zusammen betrieben sie einen Landgasthof, den „Merry Dragon“. Beide liebten Drachen. Kleine und große Drachen zierten die Teller und Tassen, die Jenny für den Gasthof töpferte. Ihr Sohn Harvey war politischer Journalist. Oft reiste er in den USA umher und schrieb über sein Land und seine Menschen.

Amerika, Ende der  1870er Jahre

Es waren die Jahre des Wilden Westens. Nicht nur die Revolverhelden gingen aufeinander los, nun hatte auch ein „Knochenkrieg“ zwischen den Dinosaurierforschern Marsh und Cope in begonnen. Im Indianerland von Kanada bis hinab nach Texas wurden Dinosaurierknochen gefunden. Im ehemaligen Indianerland, dachte Harvey mit Bitterkeit. Harvey besuchte einige der Ausgrabungsorte in Colorado, Nebraska und Wyoming.  Da gönnte ein Forscher dem anderen nichts mehr.

Dann reiste er weiter nach South Dakota zu einem Ausgrabungsort in die Badlands; dort hatte man Knochen eines anderen gewaltigen Tieres gefunden. „Das ist kein Dinosaurier, das ist ein Brontotherium, das Donnertier“, erklärte ihm ein Mitarbeiter und überreichte ihm eine Zeichnung, „die Sioux-Indianer verehren es.“

Einige Tage später war Harvey zu Gast im Indianerreservat. Was er sah, bedrückte ihn sehr. In der kleinen Schule fehlte es an allem. Ein Sioux-Junge war noch im Klassenraum und sortierte die wenigen Bücher in ein Regal. Das kannte Harvey aus seiner Jugend. Sein Vater Niklas und seine Mutter Jenny hatten in ihrem Landgasthof vielen bettelarmen Auswandererkindern geholfen, Lesen und Schreiben zu lernen. „Ich werde schauen, was ich tun kann“, dachte er gleich.

Harvey begrüßte den Jungen freundlich und zeigte ihm die Zeichnung. „Kennst Du dieses Tier?“, fragte er. „Ja“, antwortete der Junge gleich, „das ist das Donnertier.  Es zieht am Himmel seine Kreise und tritt den Regen los. Über dem Land der Großen Weißen Mutter, das Ihr England nennt, treten sie besonders stark. Danach geht es mit einem kräftigen Sprung auf den Kontinent.  Bevor die Donnertiere dann weiter um die Welt fliegen, legen sie eine Pause ein, über einem großen Fluss, der von den großen Bergen im Süden bis ins Meer nach Norden fließt.“

Harvey war hellhörig geworden, setzte sich hin und trank ein paar Schlucke aus einem Becher mit Drachenmotiv, den er immer mit sich führte. Der Junge schaute ihn aufmerksam an. „Die Alten sagen, dass die Donnertiere dort verweilen und mit anderen Tieren herumtollen“, sagte er nachdenklich, „das habe ich nie geglaubt. Aber diese Tiere auf Deinem Becher sehen genauso aus. Einmal sollen sie so herumgetollt haben, dass dort die Erde aufgerissen ist, Feuer und Lava ausgepuckt hat, und so an dieser Stelle Berge entstanden sind. Wenn es manchmal arg donnert und die kleinen Kinder Angst bekommen, sagt unsere Lehrerin, die Große Bärin:  Ihr müsst keine Angst haben, das sind nur die Donnertiere, die wieder arg mit ihren Freunden bei den fernen Bergen herumtollen.“

Harvey blieb der Mund offen stehen. Diese „fernen Berge“ waren die Sieben Berge am Rhein, die Heimat seines Vaters Niklas. „Da hat die Große Bärin bestimmt Recht“, sagte er dann, „Wenn Du magst, behalte den Becher. Wollen wir sie einmal suchen gehen? Ich würde gerne mit ihr zusammenarbeiten, damit Ihr bald mehr Bücher hier habt. „

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