Es heißt, dass der ehemalige Kölner Erzbischof Maximilian Franz von Österreich (1756-1801), genannt Max Franz, am Ende seines Lebens bettlägerig und verbittert war.
Wien, 1798
Ruhelos wälzte sich Max Franz im Bett. Es war Weihnachtsfest, doch ihm war nicht feierlich zumute. Sein Körper schmerzte und immer wieder kamen dunkle Gedanken hoch: Die Flucht vor den Franzosen, der Tod seiner Schwester Marie Antoinette von Frankreich, und seiner älteren Brüder, Joseph II. und Leopold II. Er hatte glückliche Jahr als Kölner Erzbischof verbracht. Von seiner Bonner Residenz hatte er einen Blick auf den Rhein und das Siebengebirge. Er war dort gewesen und hatte einmal ein ländliches Fest auf dem Drachenfels gegeben.
Auf einmal sah er oben am nächtlichen Himmel etwas leuchten. »Das ist nur Einbildung«, dachte er, und drehte sich um. Doch das Leuchten blieb, und ihm war, als hörte er leise Musik. Es war vertraute, ihm liebe Musik, und sie wurde langsam lauter. Nun stand Max Franz auf und trat ans Fenster. Das war Mozarts Schlittenfahrt, und da oben am Himmel fuhr ein Schlitten gezogen von Rentieren, so wie man es vom Weihnachtsmann erzählt. Der Schlitten kam näher. Max Franz traute seinen Augen nicht – das waren doch .. nein das konnte es doch gar geben! Auf einmal war er wieder in Bonn, im Jahre 1788.
Bonn und Siebengebirge, 1788
Es war ein Frühlingsabend. Max Franz hatte ein schönes Kammermusikkonzert in seiner Bonner Residenz gehört, doch dann hatte ihm Apollonia Grünschimmel, eine überaus eingebildete Dame, den Abend verdorben. Er brauchte frische Luft. Als er wütend hinaus stapfte, wäre er fast über eine Gruppe Katzen gestolpert, die vor der Residenz saßen. »Oh, verzeiht, Herr Erzbischof«, sagte ein dicker, grau getigerter Kater, »wir wollten nur die wunderschöne Musik hören. Das ist Mozart, nicht? « »Ja, sagte der Erzbischof, das Divertimento in D-Dur.« An sprechende Katzen hatte er sich im Rheinland schnell gewöhnt. Musik verbindet eben. Nicht gewöhnen konnte und wollte er sich an die Engstirnigkeit mancher Leute. »Ihr konntet doch nichts dafür« sagte er freundlich, »nachts sind nicht nur alle Katzen, auch manche Erzbischöfe grau!« sagte er freundlich. Max Franz ging nämlich meist schlicht gekleidet in seinem altschwarzen Röckelchen umher.
Nun stieß der erzbischöfliche Kammerherr Moritz hinzu. »Ihr müsst wissen«, sagte er, »dass der Erzbischof ein Fest auf dem Drachenfels plant, und dabei auch Mozarts Divertimento in D-Dur spielen wollte. Doch dafür fehlt ihm noch eine Geige. Diese Apollonia Grünschimmel hat eine, doch sie hat glatt gesagt: »Nein, nein, für ein einfaches, ländliches Fest ist mir meine Geige zu schade!«
Max Franz brummte vor sich hin. Diese Apollonia Grünschimmel war fürchterlich eingebildet. Der Erzbischof, der stets bescheiden und schlicht gekleidet war, hatte dafür überhaupt kein Verständnis. »Was denkt sie sich eigentlich«, schimpfte er, sie spielt doch kaum und wenn, dann falsch. Sie stellt ihre Geige zur Schau!« Jedes Mal, wenn Apollonia zu einem Empfang in ihr Haus geladen hatte, stellte sie nämlich ihren ganzen Reichtum zur Schau, auch ihre vielen weißgepuderten Perücken. Dabei hatten sich die extremen Rokoko-Frisuren lange überlebt. »Selbst Tonerl trägt so etwas nicht mehr«, schimpfte Max Franz weiter. In der Tat, auch seine Schwester Marie Antoinette trug nun einen natürlich Stil. Aber diese Grünschimmel .. wieviel Perücken hatte sie eigentlich? Ein ganzes Regal, eine ganze Tonleiter voll! Tonleiter? Das brachte ihn auf eine Idee. Vielleicht konnte man Apollonia mit ihren eigenen Waffen schlagen.
Zwei Tage später ging ein geknickt und verdrossen wirkender Max Franz zu Apollonia Grünschimmel, begleitet von seinem treuen Kammerherrn Moritz. »Ich bitte Euch um Vergebung, Apollonia, sagte er, »ich kann wirklich nicht verlangen, dass Ihr Eure kostbare Geige für ein einfaches, ländliches Fest zur Verfügung stellt«, sagte er. In der Zwischenzeit ließ Kammerherr Moritz die Katzen durch die Hintertür in das Musikzimmer. Als er Apollonias zufriedene Miene sah, fügte er hinzu: »Aber gönnt mir hier in Euren Räumen noch einmal das Vergnügen, dieses herrliche Instrument zu hören.«
Das ließ sich die eingebildete Dame nicht zweimal sagen. Sie hob ihre Geige an ihre Schulter und begann zu spielen, so schlecht wie immer. Max Franz verzog keine Miene, doch nun schlug die Stunde der Katzen. Jeder von ihnen hatte sich unter einer Rokoko-Perücke versteckt, und bei jedem falschen Ton machten die Katzen unter den Perücken einen Buckel, sodass die Perücke hoch flog! »Oh, spiele ich so schlecht, dass schon meine Perücken fliegen?« fragte Apollonia, merklich unsicher geworden. »Aber nein«, beruhigte sie der Erzbischof, »Eure Geige ist wohl nur etwas verstimmt. Das passiert schon einmal. Zu meinem Fest auf dem Drachenfels kommt mein Wiener Freund, der Kapellmeister, und der versteht sich auf vortrefflich auf Geigen. Zu schade, dass Ihr und Eure Geige nicht dabei seid.« Fast hätte Apollonia ihre Geige fallen lassen. »Der Kapellmeister? Vom kaiserlichen Hof in Wien?« »Sicher«, bestätigte Max Franz, »Ihr wisst doch, dass mein Bruder, unser Kaiser Joseph II., Musik sehr liebt. Natürlich schickt er mir den allerbesten Musikus.«
Nun hatte der Erzbischof gewonnen. Er bekam die Geige geliehen, und es wurde ein herrliches ländliches Fest. Und als Mozarts Divertimento in D-Dur erklang, schaute sich Max Franz verstohlen um. Da sah er seinen Kammerherrn Moritz auf einem Stuhl unter einer großen Buche, und auf dem Ast über ihm seine Katzenfreude, die verzückt der Musik lauschten.
Zurück in Wien, 1800
Max Franz konnte immer noch nicht glauben, was er da am Himmel sah. Der Schlitten kam immer näher an sein Fenster, und da waren sie: Moritz und all seine vierbeinigen Freunde! Während er die Tränen der Rührung wegblinzelte, flog etwas von dem Schlitten durch die Luft auf sein Fensterbrett. Max Franz sah dem Schlitten nach, bis er am Himmel verschwunden war, dann öffnete er das Fenster. Draußen auf dem Fensterbrett lag ein Glöckchen vom Schlitten. Als er es aufnahm, erklang leise Mozarts Divertimento in D-Dur.
Mit einem Lächeln legte sich Max Franz wieder hin und zog die Bettdecke hoch. Ja, sein Erzbistum gab es nicht mehr, aber seine Freunde waren ihm geblieben.