Um 1500 war die Kirche eine mächtige Institution, doch sie hatte an Ansehen verloren. Viele geistliche Würdenträger nützen ihre Ämter, um sich zu bereichern; Reformansätze versandeten. Für die Menschen des Mittelalters waren Hölle und Fegefeuer Realität; Wallfahrten, Almosen und wohltätige Stiftungen für das eigene Seelenheil hatten eine lange Tradition. Die Kirche sagte, dass der Papst einen Teil der Strafen im Fegefeuer erlassen könnte und die Menschen spendeten, um verstorbenen Verwandten und sich selbst diese Qualen zu ersparen.
Martin LutherUm 1509 beschloss die Kurie den Neubau des Petersdoms in Rom. Um die nötigen Gelder zu beschaffen, wurden Ablässe ausgeschrieben. Der Dominikaner Johann Tetzel, ein bekannter Ablassprediger, verkaufte den Menschen Ablass von ihren Sünden gegen bare Münze. Dr. Martin Luther, Augustiner-Mönch, Theologe und Universitätsprofessor in Wittenberg, war empört. Er glaubte fest daran, dass nur die Gnade Gottes Vergebung schenken könnte, und dass die Christen mit dem Ablasshandeln in die Irre geführt würden. In einem Brief an Erzbischof Albrecht von Mainz und Magdeburg protestierte er gegen den Ablasshandel und fügte seine 95 Thesen, bei. Es heißt, dass er am selben Tag, dem 31. Oktober 1517, eine Kopie an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg nagelte. Die 95 Thesen wurden bald vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt, und dank der neuen Gutenberg-Druckerpresse schnell in Deutschland und Europa verbreitet.
Luther ging es um die Klärung drängender theologischer Fragen; eine Spaltung des Landes oder gar Krieg um der Religion willen wollte er nicht. Doch seine Thesen waren Dynamit, denn sie stellten die Autorität des Papstes und der Kirche in Frage. Als der Papst ihm 1520 gar den Bann androhte, verbrannte er die Bulle - nun gab es kein Zurück mehr, und mit der ihm eigenen Konsequenz ging Luther seinen Weg. Am 3. Januar 1521 wurde er vom Papst exkommuniziert. Kurz darauf stand er vor dem kaiserlichen Reichstag in Worms. Als Karl V. ihn aufforderte, sich von seinen Thesen und Büchern loszusagen, lehnte er mit dem berühmt gewordenen "Hier stehe ich .." ab. Der Kaiser reagierte hart: im Wormser Edikt verhängte er die Reichsacht über Luther und verbot jedem, seine Schriften zu lesen.
Doch Luther stand nicht alleine. Sein Landesherr, der Kurfürst von Sachsen, brachte ihn auf der Wartburg in Sicherheit. Hier begann Luther mit der Übersetzung der Bibel vom Griechischen ins Deutsche, so wie die Menschen es damals sprachen. Jetzt konnten sie zum ersten Mal Gottes Wort selbst lesen und brauchten nicht länger einen Geistlichen, um es ihnen vorzulesen und zu übersetzen. Trotz des Edikts von Worms verbreitete sich die Reformation. Auch andere Fürsten bekannten sich zu Luthers Lehre, so die Herrscher Hessens, der Kurpfalz, Sachsens und Württembergs. Dies geschah aus Überzeugung, aber auch aus politischem Kalkül: Indem ein Landesfürst sich zur Reformation bekannte, streifte er die Autorität des Papstes ab, und damit auch die erdrückenden Abgaben an die Kurie. Dafür konnte er eine eigene, protestantische Landeskirche aufbauen und seine Position dem katholischen Kaiser gegenüber stärken. Die Reformation war also nicht mehr nur eine Sache der Theologen. Da Kaiser Karl V. durch seine Kriege gegen Frankreich und die Türken oft außer Landes war, führten die reformationsfreundlichen Fürsten das Wormser Edikt nicht konsequent durch, und die Reformation verbreitete sich. Karl V. muss es gehasst haben. Doch das Reich war in Gefahr, die Türken unter Süleiman dem Prächtigen standen seit 1529 vor Wien. In dieser Notlage musste sich der Kaiser mit den Fürsten einigen. Der Nürnberger Religionsfrieden von 1532 war dann auch eher ein Waffenstillstand: Bis zu einem Konzil über Glaubensfragen sollten die Protestanten ihre Religion ausüben dürfen.
Erzbischof Hermann von Wied von Köln war zunächst hart gegen Reformatoren und vermeintliche Ketzer vorgegangen. Doch als guter Landesherr sah er, wie drängend Reformen innerhalb der katholischen Kirche waren. Als sie trotz seines jahrelangen Bemühens nicht zustande kamen, rief er schließlich Theologen der Reformation ins Land, unter ihnen Martin Bucer aus Straßburg und Philipp Melanchton aus Wittenberg. Bei vielen Menschen fand er Unterstützung, denn seine Neuerungen kamen ihnen entgegen. Von Bonn aus verbreitete sich die Reformation auch in den Dörfern auf der rechten Rheinseite. Dabei übte Hermann keinen Zwang aus, es gab ein friedliches Nebeneinander der Konfessionen. Doch er hatte sich das Domkapitel zum Feind gemacht: 1545 wurde er zum Papst und zum Kaiser in Brüssel zitiert und 1547 abgesetzt.
Ein toleranter LandesherrDie Herzöge von Jülich-Kleve-Berg waren eine bedeutende Macht am Niederrhein. Weite Teile unserer Region gehörten zum Herzogtum Berg. Herzog Wilhelm V. (1539-92) war mit dem Kaiserhaus verschwägert; seine Schwester Anna von Kleve war die vierte Ehefrau
Heinrichs VIII. von England - diejenige, an der er so wenig Gefallen fand, dass er die Ehe gleich annullieren ließ. Der Herzog war ein aufgeschlossener Katholik und brachte der Reformation und Erzbischof Hermann von Wied Toleranz entgegen. Unter dem Schutz des Herzogs konnte sein Leibarzt Dr. Johannes Weyer über das schreiende Unrecht und die Grausamkeiten der Hexenprozesse schreiben; sein Buch "Über die Blendwerke der Dämonen, Zauberer und Giftmischer", war ein Schlag gegen den "Hexenhammer" von 1487.
Doch dann erhob Herzog Wilhelm Anspruch auf die Stadt Geldern. Für Kaiser Karl V. war es die Gelegenheit, endlich auch in Deutschland seine Macht zu zeigen. Er begann einen Feldzug den Rhein hinauf. In Honnef kam es zu Gefechten mit den Männern des Herzogs und viele Häuser wurden zerstört. Der Kaiser setzte sich durch; im Vertrag von Venlo 1543 wurde der Herzog gezwungen, streng gegen die Reformatoren vorzugehen.
Die protestantischen Fürsten hatten sich 1532 im Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossen. Endlich kam auf Drängen des Kaisers das Konzil von Trient zusammen, doch die Bedingungen der Protestanten waren nicht erfüllt und so weigerten sie sich, Vertreter zu entsenden und sich seinen Beschlüssen zu unterwerfen. Jetzt verhängte der Kaiser die Reichsacht gegen die Führer des Schmalkaldischen Bundes, Kurfürst Johann-Friedrich von Sachsen-Wittenberg und Landgraf Philipp von Hessen. Im Schmalkaldischen Krieg 1546/47 siegte er, auch mit Hilfe seiner spanischen und italienischen Söldner.
Karls Sieg verschärfte auch den Druck auf Herzog Wilhelm: Nun musste er den Beweis liefern, dass sein Herzogtum römisch-katholisch blieb. 1550 beauftragte er seine Amtmänner mit einer Inspektion sämtlicher Pfarreien in seinem Territorium mit dem Ziel zu beweisen, dass die überwiegende Zahl der Geistlichen und ihre Gemeinde katholisch waren und Abweichler entfernt würden. Die Protokolle dieser "Visitationen" sind unsere wichtigste Quelle aus jener Zeit.
Nach seinem Sieg wollte der Kaiser auf dem "geharnischten" Reichstag in Augsburg 1548 den Protestanten eine Religion diktieren, das "Augsburger Interim". Doch die protestantischen Länder setzten es nur zögernd um, und auch die katholischen Fürsten fürchteten das spanische Übergewicht. Als Karl seinen Sohn Philipp II. von Spanien als Nachfolger vorschlug, rebellierten die Fürsten. Vereint und mit Unterstützung des französischen Königs bereiteten sie dem Kaiser eine vernichtende Niederlage. Karl V. musste fliehen.
Sein Bruder Ferdinand I. übernahm die Regierung in Deutschland (1556-1564) und schloss mit den Protestanten 1555 den Augsburger Religionsfrieden. Fortan sollte der Landesherr die Religion für sich und sein Gebiet bestimmen: "wessen Land, dessen Religion". Im Herzogtum Berg konnte Herzog Wilhelm aufatmen, nun erlaubte er in seinen Ländern den Laienkelch und die Priesterehe. Doch nur das lutherische Bekenntnis wurde als dem katholischen gleich-berechtigt anerkannt - nicht das reformierte. Eine weitere Bestimmung, der "geistliche Vorbehalt" besagte, dass ein katholischer geistlicher Würdenträger, z.B ein Erzbischof, selbst durchaus Protestant werden konnte - sein erzbischöflicher Besitz aber verblieb bei der katholischen Kirche.
Die Reformierte Kirche Calvins war 1541 in Genf entstanden. Sie verbreitete sie sich schnell nach Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, England und Schottland und Nordamerika. Auch in unserer Region entstanden calvinistische Gemeinden, so in Niederdollendorf und Oberkassel. Doch war es gefährlich, sich zum Calvinismus zu bekennen: Der Augsburger Religionsfrieden erkannte nur das lutherische Bekenntnis an, vor allem aber kämpften die calvinistischen Niederlande seit 1566 um ihre Unabhängigkeit vom habsburgischen Spanien, da war es undenkbar, dass die habsburgische Obrigkeit im Reich calvinistische Gemeinden so nah an der Grenze dulden würde.
TäuferNoch mehr als der Calvinismus hatte das Täufertum mennonitischer Prägung in den rechtsrheinischen Dörfern Fuß gefasst, auch in Ober- und Niederdollendorf, Oberkassel, Honnef und im erzbischöflichen Königswinter. Die Täuferbewegung war um 1525 im Umfeld der Züricher Reformation entstanden. Sie war sehr vielschichtig und umfasste Menschen, die Unrecht bewusst erduldeten, aber auch Gewaltbereite, denen jedes Mittel recht schien ("Gottesstaat" in Münster 1534/35). Die Täufer lehnten die Kindestaufe ab und ließen nur die Erwachsenentaufe gelten. Darüber hinaus verlangten sie Religionsfreiheit und die radikale Trennung von Kirche und Staat - eine politisch brisante Forderung, die zu Verfolgungen durch die katholische und die protestantische Obrigkeit führte. Der Reichstag von Speyer 1529 erließ das "Wiedertäufermandat" in Kraft; danach konnten Täufer, wenn sie nicht abschworen, sofort und ohne Verfahren hingerichtet werden. Die Täufer in unserer Region waren gewaltlos, ja pazifistisch - doch auch sie wurden verfolgt. Zwar wurde das im Rheinland milder gehandhabt als in anderen Gegenden, doch auch hier kam es zu Hinrichtungen.
Truchessischer Krieg (1583-1588)In Köln war Gebhard I. Truchsess von Waldburg Erzbischof. 1582 sagte er sich von der katholischen Kirche los, verkündete Glaubensfreiheit und heiratete Agnes von Mansfeld, eine Protestantin. Das war sein gutes Recht, doch nach den Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens musste er seinen Besitz als Erzbischof aufgeben. Dazu aber war er nicht bereit. Am 1. April 1583 wurde er vom Papst exkommuniziert; das Domkapitel wählte einen Gegen-Erzbischof, Ernst von Bayern. Beide Seiten machten mobil: Gebhard erhielt Unterstützung von Truppen aus der Kurpfalz, das Domkapitel von Truppen aus Bayern und Spanien. Auch der Herr vom
Drachenfels, Dietrich von Mirelaer, stellte sich auf seine Seite und stellte ihm die Burg Drachenfels zur Verfügung.
Während der nächsten Jahre kam es zu heftigen Gefechten. Vergeblich verschanzte sich Gebhard auf der Godesburg; sie wurde belagert und nach Eroberung 1583 in die Luft gesprengt. 1583 wurde Königswinter besetzt, gebrandschatzt und dann durch bayrische Truppen, die vom Drachenfels angriffen, entsetzt. Gebhard floh nach Westfalen und dann in die Niederlande. Unterstützt durch niederländische Truppen, nahm er den Kampf noch einmal auf und eroberte 1587 Bonn. Doch als die Niederländer 1588 ihre Truppen zurückzogen, musste er aufgeben. Viele Burgen und Städte waren zerstört. Der Augsburger Religionsfrieden war verletzt worden; zudem hatten beide Seiten ausländische Truppen ins Land geholt. Ungefähr 50 Jahre später sollte es im Dreißigjährigen Krieg noch viel schlimmer kommen.
Bild- und Quellenachweis
Bilder aus der Public Domain Section der Wikipedia sind im Bild- und Quellennachweis erwähnt.