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Zwischen Revolution und Reichsgründung

Preußen, um 1858. Schloss Babelsberg, 1834 von Karl Friedrich Schinkel im neugotischen Stil erbaut, war rund 50 Jahre lang die liebste Sommerresidenz Kaiser Wilhelms I. und seiner Frau Augusta. Was hat der Kaiser in diesen 50 Jahren alles erlebt! Im März 1848 hatte die Revolution Berlin erschüttert. Wäre es damals nach Wilhelm gegangen, hätte man die "Aufrührer mit Kartäschen zusammengeschossen", was ihm für die nächsten Jahre den Beinamen "Kartäschenprinz" eingetragen hatte. Dann hatten seine Truppen die zweite Welle der Revolution 1849 in Baden und in der Pfalz niedergeschlagen. Nach dem Sieg der Reaktion wurde die Presse erneut streng zensiert, Versammlungen wurden verboten und Demokraten mussten mit Hausdurchsuchungen, Bespitzelung, Beschlagnahmung, ja sogar mit Polizeischikanen und Verhaftung rechnen. Wilhelm selbst war zum Militärgouverneur am Rhein und in Westfalen ernannt worden und verbrachte die Jahre von 1850-58 in Koblenz. Hier fand er zu einer gemäßigt-konservativen Haltung, und auch liberal denkende Menschen hofften auf ihn.

König Wilhelm I.

1858 übernahm er die Regentschaft für seinen schwerkranken Bruder Friedrich Wilhelm IV., nach dessen Tod wurde er 1861 in Königsberg zum König von Preußen gekrönt. Wilhelm I. berief liberale Minister. Doch zugleich plante er eine Heeresreform, die nicht nur eine Erhöhung der Friedenstärke des preußischen Heeres vorsah, sondern auch eine Stärkung des Feldheers mit seinen meist adligen, konservativen Offizieren, die auf den König vereidigt waren. Die Reform ging also zulasten der Landwehr mit ihren überwiegend bürgerlichen Offizieren, die auf die Verfassung vereidigt waren. Doch zunächst musste das Parlament den Verteidigungshaushalt bewilligen. Das Herrenhaus stimmte zu, doch das Abgeordnetenhaus war nur bereit, die Erhöhung der Friedensstärke mitzutragen. Bald spitzte sich der Konflikt so zu, dass Wilhelm an Abdankung dachte. In dieser Situation kam es wenig später zur ersten Begegnung mit Bismarck im Schloss Babelsberg.

Otto von Bismarck, der "Eisenerne Kanzler"

Bismarck war seit 1847 konservativer Abgeordneter im preußischen Landtag und preußischer Gesandter am Bundestag in Frankfurt. Schon damals hatte sich seine politische Meisterschaft gezeigt. Offen vertrat Bismarck seine Grundhaltung: Österreich, der Vielvölkerstaat, sollte dem überwiegend deutschen Preußen die Vorrangstellung in Deutschland abtreten. Bismarck, entschlossen, "die Macht der Krone gegen das Parlament zu behaupten", war Wilhelms einzige Chance, seine Heeresreform durchzubringen und überhaupt mit Autorität weiter zu regieren. 1862 wurde er zum Ministerpräsidenten ernannt.

Österreich, die Donaumonarchie

In Österreich herrschte Kaiser Franz Joseph I. über einen Vielvölkerstaat; sein Reich reichte vom heutigen Österreich bis zum heutigen Rumänien. Der Kaiser und seine Frau Elisabeth, Sisi, sprachen fließend die wichtigsten Sprachen ihrer Untertanen.

Im Krieg gegen Dänemark 1864 kämpften Preußen und Österreich gemeinsam, doch zwei Jahre später kam zum Bruch. Bismarck war nun zum Krieg gegen Österreich entschlossen, obwohl König Wilhelm den "Bruderkrieg" nicht wollte. Hier ging der König einig mit den rheinischen Abgeordneten. Doch Bismarck setzte sich durch. Nach sorgfältiger diplomatischer Vorbereitung marschierten 1866 preußische Truppen in Sachsen, Hannover und Hessen ein; auch die mit Österreich verbündeten Mittelstaaten wurden schnell besiegt. Bei Königgrätz in Böhmen wurde das österreichische Heer entscheidend geschlagen. Im Frieden von Prag 1866 musste Österreich der Auflösung des Deutschen Bundes zustimmen; es verlor Schleswig-Holstein an Dänemark und Venetien an Italien. Hannover, Kurhessen, Nassau und die freie Reichsstadt Frankfurt fielen an Preußen. Österreich selbst orientierte sich nun nach Südosten, 1866 wurde es zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.

Norddeutscher Bund

Damit waren die östlichen und westlichen Provinzen Preußens verbunden, ein geschlossenes preußisches Staatsgebiet in Norddeutschland bis zum Main war entstanden. Preußen und die restlichen selbständigen Staaten nördlich des Mains schlossen sich 1867 zum Norddeutschen Bund unter Führung Preußens zusammen. Bismarck selbst entwarf. die Verfassung; 1871 wurde sie für das Reich fast unverändert übernommen.

Deutsch-Französischer Krieg

In Frankreich regierte Louis Napoleon Bonaparte, ein Neffe Napoleons I., seit 1852 als Kaiser. Im Juli 1870 kam es zu einer Krise, als Spanien einem Hohenzollernprinzen seine Krone anbot und dieser mit Zustimmung König Wilhelms annahm. Der Prinz zog sich bald darauf zurück, doch das reichte der französischen Regierung nicht: Wilhelm sollte sich verpflichten, auch künftig keiner Kandidatur des Prinzen mehr zuzustimmen. Als der französische Botschafter diese Forderung dem König, der gerade in Bad Ems zur Kur war, vortrug, wurde er höflich, aber bestimmt zurückgewiesen. Wilhelm informierte Bismarck in einem Telegramm. Der Kanzler, ein Meister im Umgang mit der Presse, gab dem Telegramm aus Bad Ems "durch Streichungen, ohne ein Wort hinzuzusetzen oder zu ändern" eine deutlich schärfere Fassung, und gab es in dieser Form als "Emser Depesche" an die Presse.

Beide Seiten waren empört; jetzt sollten die Waffen entscheiden. Am 19. Juli erklärte Frankreich den Krieg. Überall in Deutschland war das Nationalgefühl stärker als alles andere. Anfang August drangen preußische Truppen, unterstützt von Bayern und anderen deutschen Staaten in Frankreich ein, und bald war die Hauptarmee der Franzosen in Metz eingeschlossen. Ein Entsatzheer wurde bei Sedan eingeschlossen und geschlagen. Fast die ganze Armee und Kaiser Napoleon III. gerieten in Gefangenschaft. In Frankreich wurde die Republik ausgerufen, ein Volkskrieg gegen die feindlichen Truppen begann, erst Ende Januar 1871 kapitulierte Paris. Im Mai wurde in Frankfurt Frieden geschlossen, doch es waren sehr harte Bedingungen: Frankreich musste 5 Mia. Francs Kriegsentschädigung zahlen und Elsass-Lothringen abtreten - die Menschen wurden dabei nicht gefragt.

Reichsgründung

Auch im Rheinland brachte die patriotische Begeisterung den Umschwung. Als Wilhelm, Bismarck und Moltke im August 1870 auf dem Weg an die Front in Köln ankamen, wurden sie begeistert empfangen. Nach dem Sieg bei Sedan warb Bismarck bei den deutschen Fürsten für ein vereintes Kaiserreich. Im patriotischen Überschwang gaben auch die zögernden Fürsten nach; als Ranghöchster trug Ludwig II. von Bayern Wilhelm die Kaiserwürde an. Erst danach kam eine Abordnung des Nord-deutschen Reichstages - ein fundamentaler Unterschied zu 1848/49. Doch auch Wilhelm fiel es sehr schwer, "vom alten Preußen Abschied zu nehmen", denn der Titel des "Königs von Preußen" bedeutete ihm viel mehr als der neue des "Deutschen Kaisers", mit dem er überhaupt nicht einverstanden war. Er war verzweifelt, doch er rang sich durch.

Am 18. Januar 1871 wurde König Wilhelm I. von Preußen im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles in Gegenwart von Fürsten, Heerführern und Soldaten zum deutschen Kaiser Wilhelm I. ausgerufen. Das Deutsche Reich war ein Bundesstaat mit 25 Einzelstaaten; 22 Monarchien und 3 freien Reichsstädten, dazu das "Reichsland" Elsass-Lothringen.


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