Revolution 1848/49
Preußische Rheinprovinz und Kaiserreich / 3
Bonn, 10. Mai 1949. Der junge Bonner Student Carl Schurz verabschiedete sich von seiner Familie, um mit seinem Professor Gottfried Kinkel und anderen demokratisch gesinnten Menschen für die Revolution zu kämpfen. Er ahnte, dass es zu spät war.
"Ehe ich das Haus verließ, verweilte ich noch einen Augenblick in meinem Zimmer. Wir wohnten damals auf der Koblenzer Straße und von meinem Fenster hatte ich einen freien Blick auf den Rhein und das Siebengebirge, jene Aussicht, die an Lieblichkeit in der ganzen Welt ihresgleichen sucht.
Wie oft hatte ich, in den Anblick dieses anmutigen Bildes versunken, mir träumend eine schöne, ruhige Zukunft aufgebaut! Nun konnte ich in der Dunkelheit nur die Konturen meiner geliebten Berge gegen den Horizont stehend unterscheiden.
Hier war meine Arbeitsstube, still wie sonst. Wie oft hatte ich sie mit meinen Phantasien bevölkert! Da waren meine Bücher und Manuskripte, alle von Plänen, Bestrebungen und Hoffnungen zeugend, die ich nun vielleicht auf immer hinter mir lassen sollte. Ein instinktives Gefühl sagte mir, daß es damit nun wirklich vorbei sei. Ich ließ alles liegen, wie es eben lag, kehrte der Vergangenheit den Rücken und ging meinem Schicksal entgegen."
(Carl Schurz, Lebenserinnerungen, Band 1)
Märzrevolution 1848Die große soziale Not und die Wut gegen die Restaurationspolitik brachen sich schließlich in der Märzrevolution Bahn. Die Herrscher der deutschen Mittel- und Kleinstaaten machten schnell Zugeständnisse und stellten liberale Minister ein, die "Märzminister". Der Bundestag in Frankfurt hob die Pressezensur auf und erklärte Schwarz-Rot-Gold zur deutschen Bundesfahne. Der verhasste Staatskanzler Metternich in Wien musste fliehen.
Vom 18. bis in die Morgenstunden des 19. März tobten in Berlin Barrikadenkämpfe, bei denen hunderte Menschen starben. Die Sache der Aufständischen war schon verloren, doch König Friedrich Wilhelm IV. wollte kein weiteres Blutvergießen und befahl den Abbruch des Kampfes. Er richtete einen Aufruf "An meine lieben Berliner" und versprach, die Truppen zurückzuziehen, wenn die Barrikaden geräumt würden. Sein Bruder Wilhelm, der spätere Kaiser, teilte diese Haltung nicht. Wäre es nach ihm gegangen, hätte man die "Aufrührer mit Kartäschen zusammengeschossen", was ihm für die nächsten Jahre den Beinamen "Kartäschenprinz" eintrug. Den nächsten Tag hat der Maler Adolph Friedrich Menzel in einem Bild festgehalten. Die Särge der Gefallenen wurden in den Schlosshof getragen. Der König nahm seinen Hut ab und verneigte sich vor ihnen. Danach wurden sie vor dem Deutschen Dom auf dem Gendarmenmarkt in Berlin aufgebahrt.
NationalversammlungIm März 1848 hatte die Revolution gesiegt. Ein spontan zusammengekommenes Vorparlament beschloss die Ausschreibung von allgemeinen und gleichen Wahlen zu einer deutschen Nationalversammlung. Der Einzug der Parlamentarier in die Frankfurter Paulskirche am 18. Mai 1848 war ein großer Tag, überall wehten schwarz-rot-goldene Flaggen und die Menschen jubelten den Parlamentariern zu. Die Nationalversammlung stand vor einer gewaltigen Aufgabe; hatte aber von Anfang an einen schweren Stand. Die meisten Fürsten, allen voran Preußen und Österreich, dachten nicht daran, sich mit dem Sieg der Revolution abzufinden.
Während die Nationalversammlung eine neue Verfassung beriet, wurde weiter gekämpft. Die Nationalversammlung bildete eine provisorische Zentralregierung für ganz Deutschland mit dem österreichischen Erzherzog Johann an der Spitze. Seine Regierung wurde von allen Bundesstaaten anerkannt, der Bundestag löste sich auf und übertrug ihr seine Rechte. Doch die Großmächte Österreich und Preußen weigerten sich, ihre Truppen der Zentralregierung zu unterstellen. Die Mehrheit der Parlamentarier trat für die Monarchie ein, aber sollte es ein Erbkaisertum eines Herrscherhauses sein, oder ein Wahlkaisertum? Und wie sollte Österreich einbezogen werden? Die "großdeutsche" Lösung mit den deutschsprachigen Ländern Österreichs hätte die Donaumonarchie gespalten. Die "kleindeutsche" Lösung mit Preußen an der Spitze war nur ohne Österreich denkbar, denn der österreichische Kaiser hätte sich wohl kaum dem preußischen König untergeordnet. Die Beratungen zogen sich über Monate hin.
"Ich sterbe für die Freiheit. Möge das Vaterland meiner gedenken" Robert BlumDer Sieg der Reaktion
Doch während die Nationalversammlung noch diskutierte, wurde sie von der Realität eingeholt. In Wien setzten sich die Regierungstruppen durch, Ministerpräsident Fürst Schwarzenberg stellte die absolute Monarchie mit Kaiser Franz Josef I. (1848-1916) wieder her. Robert Blum, der im Auftrag der Nationalversammlung nach Wien gereist war, geriet in Straßenkämpfe. Obwohl er als Parlamentarier Immunität genoss, wurde am 9. November 1848 standrechtlich erschossen.
Nach den Erfolg Schwarzenbergs in Wien setzte sich im November auch in Berlin die Reaktion durch. Friedrich Wilhelm IV. berief ein neues Kabinett, in dem nur Konservative saßen. Truppen marschierten in Berlin ein, die preußische Nationalversammlung wurde erst in die Provinz abgeschoben und dann aufgelöst. Im Dezember erließ der König die "Oktroyierte Verfassung", die zwar zunächst die Grundrechte sowie das allgemeine und gleiche Wahlrecht vorsah, dem Volk aber keine wirkliche Mitverantwortung zugestand. Endlich wurde am 28. März 1849 in der Paulskirche die Verfassung verabschiedet: es sollte eine konstitutionelle Monarchie sein mit einem Erbkaiser an der Spitze. In die Verfassung waren die Grundrechte aufgenommen worden. Im April 1849 trug eine Delegation der Nationalversammlung in Berlin Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone an. Höflich, aber unmissverständlich lehnte er ab. Die Krone aus der Hand des Volkes anzunehmen war mit seinem Herrschaftsverständnis unvereinbar.
Die Nationalversammlung löste sich auf. Neue Kämpfe brachen aus, eine zweite demokratische Aufstandsbewegung vor allem in Sachsen, Baden, der preußischen Rheinprovinz mit Westfalen und der bayrischen Rheinpfalz wollte die Fürsten zur Annahme der Paulskirchenverfassung zwingen. Im Sommer und Herbst 1849 wurde sie vor allem durch preußische Truppen unter Führung des Prinzen Wilhelm niedergeschlagen.
Forty-Eighters: Kinkel und SchurzAuch in unserer Region gab es demokratische Vereine. Eine der großen Gestalten jener Tage war Gottfried Kinkel aus Oberkassel, Professor an der Bonner Universität. An seiner Seite stand sein junger Student Carl Schurz. Die Empörung wurde noch größer, als die preußische Regierung auch die Landwehr auflösen wollte. In der Nacht vom 10. auf dem 11. Mai zogen 120 Bürgern und Studenten, unter ihnen Kinkel und Schurz, zum Zeughaus in Siegburg, um sich die dort aufbewahrten Waffen der Landwehr anzueignen. Doch das Unternehmen scheiterte.
Kinkel und Schurz gingen nach Baden und kämpften im badisch-pfälzischen Aufstand mit, doch die Freischärler hatten den preußischen Truppen nichts entgegenzusetzen. Kinkel wurde verletzt und geriet in Haft. Schurz war mit anderen Aufständischen in der Festung Rastatt eingeschlossen, und als die Lage aussichtlos war, kapitulierten die Aufständischen. Als preußischem Bürger drohte Carl Schurz die Exekution, doch mit viel Glück entkam er im letzten Moment durch einen Abwasserkanal. Ein Jahr später befreite er Kinkel in einer tollkühnen Aktion aus dem Zuchthaus in Spandau, beide flohen und lebten eine Weile in England. Dann entschloss sich Carl Schurz, mit seiner Frau nach Amerika auszuwandern. Hier wurde er später ein enger Mitarbeiter von Präsidenten Lincoln und schließlich Minister im Kabinett von Präsident Hayes.
Bild- und Quellenachweis
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