Rheinprovinz

Kronprinz Friedrich Wilhelm IV., Drachenfels
Kronprinz Friedrich Wilhelm IV., Drachenfels

„Jesses, Maria, Josef! Do hirohde mer in en ärm Famillich!“ – so kommentierte der Kölner Bankier Schaaffhausen die Entscheidung des Wiener Kongresses, das Rheinland an den König von Preußen zu geben.

Und doch bewilligte die „ärm Famillich“ später 10.000 Taler für die Erhaltung des Drachenfelses.

Zwei unterschiedliche Landesteile unter einer Krone

In Kleve, das lange vor der Franzosenzeit zu Preußen gehört hatte, und in überwiegend protestantischen Gebieten überwog die Freude; bei den Katholiken im Erzbistum Köln die Skepsis. Auch wenn man nicht von einer grundsätzlichen Ablehnung oder gar Feindschaft sprechen kann, waren sich beide Seiten doch fremd. Viele gebildete Rheinländer, stolz auf ihre Jahrtausende alte Kultur, konnten mit dem ostelbischen Preußen und dem als typisch preußisch empfundenen Militär und Beamtentum wenig anfangen.

Auch König Friedrich Wilhelm III. war zunächst wenig erbaut über seine neuen Gebiete am Rhein. Mit der Art der Rheinländer konnte er wenig anfangen, sie waren ihm sogar suspekt: mehr als andere durch die Franzosenzeit geprägt, verteidigten sie die napoleonische Gesetzgebung als „Rheinisches Recht“ gegen den preußischen Staat, der die Reformer zunehmend entmachtete oder gar entließ. 1818 lenkte Friedrich Wilhelm III. schließlich ein. Im neuen „Rheinpreußen“ wurde das Allgemeine Preußische Landrecht nur in den rechtsrheinischen altpreußischen Gebieten wieder eingeführt; in den übrigen Gebiete wurde das „Rheinische Recht“ im Wesentlichen beibehalten.

Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. hatte eine romantische Ader, er schwärmte für das Mittelalter und die Herrlichkeit der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Nach dem Sieg über Napoleon besuchte er das Rheintal und kam zweimal, 1815 und 1817, zum Drachenfels.

Verwaltungsaufbau

Die preußische Regierung baute eine neue Verwaltung auf. Zuerst gab es zwei Provinzen: Julich-Kleve Berg mit den Regierungsbezirken Düsseldorf, Köln und Kleve, Sitz des Oberpräsidenten war Köln, und Niederrhein mit den Regierungsbezirken Aachen, Trier und Koblenz, welches auch Sitz des Oberpräsidenten war. Am 20. April 1816 entstand der Sieg-Kreis. 1822 wurden die beiden Provinzen zur „Rheinprovinz“ zusammengeschlossen. An der Spitze stand der Oberpräsident in Koblenz.

Für den Bau der Festung Ehrenbreitstein oberhalb von Koblenz wurden erneut Steine von der ehemaligen Klosterkirche in Heisterbach gebrochen, bis der Oberpräsident 1818 den weiteren Abbruch verbot.

Eine Chance auf Bildung

Damals konnten 3/4 der Menschen weder lesen noch schreiben. Hier verdankt unsere Region dem preußischen Staat viel: Nun bekam jeder die Chance zu lernen, die Dorfschulmeister wurden anerkannt und gut ausgebildet. Doch in vielen Bauern- und Arbeiterfamilien herrschte so große Not, dass die Kinder mitarbeiten mussten und nicht zur Schule gehen konnten. 1818 stiftete Friedrich Wilhelm III. die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn.

Rheinromantik

In jenen Jahren entdeckt man den Charme des Rheintals mit seinen steilen Hängen, den Burgen und Weinbergen. Aus jener Zeit sind romantische Bilder überliefert, auf denen die Landschaft besonders wild und geheimnisvoll wirkt. Menschen aus den In- und Ausland bereisen das Rheinland und schwärmen davon. Unter ihnen ist 1816 der ebenso berühmte wie skandalumwittertete Lord Byron aus England; er widmet dem Drachenfels sogar das Gedicht „Der turmgekrönte Drachenfels“.

In den 1820er Jahren sieht man die ersten Dampfschiffe auf dem Rhein; schon 1825 gibt es Linienverkehr von Köln nach Rotterdam und bis in die Schweiz. Um das Eis zu brechen, macht auch Friedrich Wilhelm III. im September 1825 eine Dampferfahrt auf dem Rhein.

Die Koblenzer haben dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. das arg beschädigte Schloss Stolzenfels geschenkt; in der Hoffnung, dass er Mittel und Wege findet, es wieder aufbauen zu lassen. In der Tat lässt König Friedrich Wilhelm III. es von Karl-Friedrich Schinkel neu gestalten. Diesem begnadeten Architekten und Maler verdanken wir nicht nur zahlreiche Gebäude des klassischen Berlins; er hat sich auch um kleine und große Gebäude und Denkmäler in ganz Preußen verdient gemacht, so auch um den Kölner Dom und eben Schloss Stolzenfels. Bald sind viele Burgen am Rhein in der Hand der Hohenzollernfamilie, u.a. Stahleck, Rheinfels, Rheinstein, der Rolandsbogen und die Godesburg. Der spätere Kaiser Wilhelm I. bekommt in Rolandseck sein Palais mit seinem eigenen Gleisanschluss gebaut.

Bald nach der ersten Eisenbahnlinie in Deutschland 1835 von Nürnberg nach Fürth entsteht auch im Rheinland eine Eisenbahnlinie nach der anderen: 1838 Düsseldorf – Erkrath, 1841 Köln-Aachen, 1844 Bonn-Köln, 1844/45 Köln-Bonn-Koblenz.

10.000 Taler für den Drachenfels

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Steinbruchschäden am Drachenfels bedrohlich, 1826 stürzte ein Teil der Außenmauern der Burgruine ein. Zugleich hatten Reparaturarbeiten am – damals noch unvollendeten – Kölner Dom begonnen. Da große Teile des Doms mit Trachyt vom Drachenfels gebaut worden waren, wollte die Dombauhütte ihn auch nun wieder haben.

Ein jahrelanger, erbitterter Rechtsstreit begann. Auf der einen Seite die Königswinterer Steinbrechergewerkschaft, auf der anderen viele Bürger und die preußischen Behörden. Die Zeitungen berichteten über die wiedereröffneten Steinbrüche am Drachenfels. 8.000 Taler müssten zusammen kommen, um der Steinhauergewerkschaft die Bergkuppe abzukaufen, doch das war nicht in Sicht. Immerhin wies die Regierung am 1. Dezember 1827 den zuständigen Landrat an, Maßnahmen zur Sicherung der Burgruine zu treffen. Dann bekam der Drachenfels Hilfe von prominenter Stelle. Als Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. in einer Zeitung den Bericht über die Wiedereröffnung der Steinbrüche las, handelte er sofort: Am 2. Dezember 1827 schrieb sein Hofmarschall dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz in Koblenz, dass dem Kronprinzen und der ganzen königlichen Familie sehr viel am Erhalt der Ruine läge, und bat um Unterrichtung über den Sachstand. Wenig später, am 8. Januar 1828, schrieb auch Prinz Friedrich von Preußen an den Oberpräsidenten.

Am 4. Mai 1828 wurden die Steinbrüche auf dem Drachenfels auf Anweisung der Königlichen Regierung in Köln vorläufig geschlossen; Hauptargument war die Gefährdung der Menschen und Gebieten unterhalb der Ruine. Dennoch wurden weiter Steine gebrochen. Dann stürzte im Mai 1828 der Nordgiebel der einstigen Burgkapelle ab. Die Auseinandersetzungen wurden immer heftiger, sie wurden vor Behörden und Gerichten, aber auch in den Zeitungen ausgetragen. Die Steinhauer-Gewerkschaft sah keine Gefährdung; am 12.9 1828 verklagte sie die Königliche Regierung auf Schadensersatz. Nun begann ein langer Rechtsstreit vor dem Landgericht Köln um Verfahrensfragen und die Zulässigkeit der Klage.

Schließlich kam der Fall auf den Schreibtisch König Friedrich Wilhelms III. Am 23. Mai 1829 erließ er eine Kabinettsorder: Der preußische Staat sollte das Eigentum am Drachenfels mit seiner Ruine erwerben, dazu sollten Kaufverhandlungen mit der Steinhauer-Gewerkschaft geführt werden, wofür er 10.000 Taler bewilligte. Sollten die Verhandlungen zu keiner Einigung führen, würde das Enteignungsverfahren nach geltendem Recht eingeleitet. Tatsächlich scheiterten die Verhandlungen, daraufhin ordnete der König am 3. Dezember 1830 die Durchführung des Enteignungsverfahrens an. Am 15. März 1831 erklärte das Landgericht Köln die preußische Regierung zur Eigentümerin der Bergkuppe des Drachenfelses. 1836 kauft die preußische Regierung den oberen Teil des Drachenfelses mit der Ruine, er kam unter Denkmalschutz. 10.000 Taler hat der preußische Staat bezahlt.

„Kölner Wirren“

Die Rheinländer waren überwiegend Katholiken, und Köln war wieder Erzbistum. Unter den Katholiken und insbesondere den katholischen Würdenträgern gab es Liberale und Anhänger der dogmatischen päpstlichen Linie. Die meisten Preußen und ihr Königshaus waren Protestanten.

Der latente Konflikt eskalierte, als in den 1830er Jahren auf beiden Seiten die Hardliner das Sagen hatten. Erzbischof von Droste-Vischering wollte die päpstliche Linie durchsetzen und erteilte den liberalen Bonner Professoren Lehrverbot – doch die sind Beamte des preußischen Staats! Außerdem verwarf er den bis dahin gültigen Kompromiss im Streit um die religiöse Erziehung von Kindern aus Mischehen. Die preußische Regierung forderte ihn zum Einlenken oder zum Rücktritt auf. Als er sich weigerte, wurd eer am 20. November 1837 verhaftet und anderthalb Jahre auf der Festung Minden gefangen gehalten.

Der Staat verhaftete den Erzbischof – das war ein Politikum weit über das Erzbistum hinaus. Unmut gegen Preußen wurde laut, die Kurie in Rom protestiert scharf, und der bekannte Publizist Josef Görres verfasste eine Verteidigungsschrift für den Erzbischof, den „Athanasius“, die großen Anklang fand. Es war der Beginn des politischen Katholizismus im Rheinland. König Friedrich Wilhelm III. aber blieb hart. Erst unter König Friedrich Wilhelm IV. (1840-61) kam der Erzbischof frei, musste aber sein Amt abgeben.

Rheinkrise (1839-41)

Im Orient konnte Frankreich seine Interessen nicht gegen die Englands, Österreichs, Preußens und Russlands durchsetzen konnte – die alte anti-französische Koalition aus den Napoleonischen Kriegen hatte Frankreich ein „diplomatisches Waterloo“ bereitet. Die französische Öffentlichkeit war empört. Nun forderte die französische Regierung unter Adolphe Thiers das linke Rheinufer – bis an den Rhein, seine „natürliche Grenze“ sollte Frankreich reichen. Man befestigte Paris, drohte dem Deutschen Bund monatelang mit Krieg und rüstete militärisch und geistig auf. In diesen Jahren entstanden „Die Wacht am Rhein“ und „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“. Staatskanzler Metternich konnte den Konflikt diplomatisch beilegen, das Kabinett Thiers tratt zurück und die neue französische Regierung war  kompromissbereit – doch der Patriotismus war militant geworden, man sprach von „Erbfeindschaft“.

Im September 1842 feierte man das Kölner Dombaufest: Endlich, nach fast 300 Jahren, sollte der Kölner Dom fertig gebaut werden! Auch der neue König Friedrich Wilhelm IV. war zugegen. Das Fest sollte allen im Land zeigen, dass Frieden war zwischen Staat und Kirche. Doch die Spannungen blieben.

Bild- und Quellenachweis
Das Bild stammt von www.zeno.org.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*