Waffenstillstand – das Rheinland wird besetzt

Französischer Soldat am Rhein
Französischer Soldat am Rhein

Der Kaiser flieht

An diesem Abend war Kaiser Wilhelm II. bereits Geschichte, auch wenn er formal noch nicht abgedankt hatte. Im Morgengrauen des 10. Novembers war er vom Hauptquartier im belgischen Spa in die neutralen Niederlande geflohen. Königin Wilhelmina gewährte ihm Asyl und lieferte ihn auch auf Drängen der Alliierten nicht aus. Er durfte aber sein Anwesen in den Niederlanden nicht verlassen.

Der Waffenstillstand wird unterzeichnet

Im Wald von Compiègne wurde über einen Waffenstillstand verhandelt. Erzberger bemühte sich verzweifelt, doch zu Verhandlungen kam es kaum. Auf alliierter Seite forderte der französische Marschall Foch die bedingungslose Annahme der Waffenstillstandsbedingungen. Die Kernpunkte: Rückzug der deutschen Truppen nach Deutschland innerhalb von 15 Tagen, Besetzung der linksrheinischen deutschen Gebiete durch alliierte Truppen, Annullierung des deutsch-russischen Friedensvertrages von Brest-Litowsk und sofortige Reparationsleistungen. Nicht einmal die Seeblockade wurde aufgehoben. Der deutschen Delegation blieb keine Wahl. Nach Rücksprache mit Generalfeldmarschall Hindenburg unterzeichnete Erzberger. Es war der 11. November 1918, am selben Tag trat der Waffenstillstand in Kraft.

Truppenrückzug

Nach den Waffenstillstandsbedingungen musste das linke Rheinufer am 4. Dezember 6 Uhr morgens geräumt sein. Die deutschen Truppen eilten zurück, hier ein Bild von der Kölner Rheinbrücke. Viele Menschen standen am Rand und hofften, von den Soldaten Nachrichten über ihre Angehörigen zu erfahren.

Einige Tage lang glich das Städtchen Königswinter einem Heerlager. Unzählige Truppenverbände zogen zu Fuß, zu Pferde oder auf Lastautos und sonstigen Fuhrwerken durch die Straßen. Die Fähre legte Tages- und Nachtschichten ein, um Menschen und Material vom linken auf das rechte Rheinufer zu befördern, ebenso die Schiffe der Köln-Düsseldorfer und anderer Gesellschaften. Am Südende des Städtchens und in Niederdollendorf hatten Pionierbataillone Pontonbrücken über den Rhein gebaut. Offiziere und Mannschaften mussten untergebracht werden. Trotz der Niederlage tat man sein Bestes, die Truppen freundlich willkommen zu heißen.

Alliierte Truppen am Rhein

Nach dem Abzug der in Bonn stationierten deutschen Truppen rückten an die 10.000 britische und kanadische Soldaten in Bonn ein.

Am 6. Dezember trafen die ersten englischen Verbände in Köln ein. Ab dem 15. Dezember galt im gesamten britischen Besetzungsgebiet die britische Zeit, es war also eine Stunde früher als im übrigen Deutschland. Presse- und Versammlungsfreiheit wurden beschränkt, nächtliche Ausgangssperren verhängt und der Karneval wurde verboten. Viele Familien mussten Unterkünfte für englische Soldaten bereitstellen.

Der Krieg war vorbei, aber nicht für die Menschen hier am Rhein, und ehrlicherweise auch nicht für die Besatzungssoldaten von weit her.

Rheinstaatbestrebungen

Am 9. November 1918 war nicht nur das Ende des Kaiserreichs, sondern auch das des Königreichs Preußen gekommen. Wie auf Reichsebene hatte auch in Preußen ein Rat der Volksbeauftragten aus MSPD und USPD die Regierung übernommen.

Als er zur Wahl einer verfassunggebenden preußischen Landesversammlung aufrief, erhob sich gleich Protest. Sollte Preußen mit seiner überwältigenden Dominanz im Reich überhaupt fortbestehen? „Das Deutsche Reich, in Wirklichkeit ein erweitertes Preußen“ hatte August Bebel einmal geschrieben. Preußen stand für eine Staatsauffassung, in der die Staatsräson alles, der einzelne Mensch aber wenig galt. Vielen ging das gegen die Natur. Zudem war Preußen mehr als andere Staaten des Reiches militärisch geprägt. Vielen schien ein Fortbestehen dieses Preußens eine zu große Bürde für die junge Republik.

Annektion durch Frankreich?

Ungewissheit über die Zukunft prägte die Stimmung im Rheinland. Für die meisten Menschen kam die Niederlage völlig überraschend, und jetzt standen auch noch fremde Besatzungstruppen im Land. Auf der anderen Rheinseite war nun Ausland oder zumindest besetztes Gebiet. Schon sprach man im Umfeld des französischen Ministerpräsidenten Poincaré vom Anschluss des Rheinlandes an Frankreich. Für viele Rheinländer war das eine reale Gefahr.

Los von Berlin!

In diesen Tagen dachten manche an eine Abtrennung des Rheinlandes von Preußen, ja sogar vom Deutschen Reich. Schon am 10. November 1918 begann die „Kölnische Volkszeitung“, ein Organ der katholischen Zentrumspartei, eine Kampagne für einen Rheinstaat – auch wenn sie hier nicht für das Zentrum in seiner Gesamtheit sprach.

Am 4. Dezember 1918, kurz vor dem Einmarsch britischer Truppen, versammelte die Rheinische Zentrumspartei an die 5.000 Menschen in Köln, man sprach über die Gründung einer „Rheinischen Republik“ im Reichsverbund, um einer Annexion durch Frankreich zuvorzukommen.

Auch Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer dachte an eine Rheinische Republik, und zwar eine große Westdeutsche Republik mit der Pfalz, dem Rheinland und dem Ruhrgebiet im Rahmen des Reiches. Durch ihre geografische wie kulturellen Nähe zu Westeuropa könnte sie eine Art Bindeglied zwischen Frankreich und Belgien und den östlicheren Reichsgebieten sein und helfen, das übrige Reich „friedensfreundlich“ zu machen. Die Abtrennung ganzer Teile gegen Recht und Gesetz lehnte er freilich ab.

Bild- und Quellenachweis
Public Domain Section der Wikipedia, www.openclipart.org.

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