Aufschwung und Stabilisierung

Berlin, Dankveranstaltung bei Friedrich Ebert
Berlin, Dankveranstaltung bei Friedrich Ebert

Deutschland, 1923/1924. Am ersten Weihnachtstag sprach Reichskanzler Marx im Radio, es war die erste Weihnachtsansprache eines Kanzlers überhaupt. Er dankte dem Ausland für die Unterstützung der Notleidenden in Deutschland. „Diese Hilfsbereitschaft menschlich Denkender in allen Ländern der Welt ist wie ein Lichtzeichen, das uns Hoffnung leuchtet in der Finsternis“, sagte er.

Doch die demoralisierten Menschen im Rheinland sahen noch kein Licht am Ende des Tunnels. Das „Wunder der Rentenmark“ hatte sich für sie noch nicht erfüllt, man musste weiter mit kommunalem Notgeld als Zahlungsmittel zurechtkommen und hoffen, dass es vom Reich akzeptieren wurde.

Dawes-Plan

In Frankreich wähnte sich Ministerpräsident Poincaré am Ziel: eine entscheidende Schwächung Deutschlands schien greifbar nah. Er verweigerte Verhandlungen mit der Reichsregierung, dafür wollte er in internationalen Verhandlungen auftrumpfen. Doch er hatte sich verschätzt: Die Separatisten bekamen keine Unterstützung in der Bevölkerung, konnten sich ohne französisches Militär nicht behaupten, die hohen Kosten der Ruhrbesetzung führten auch in Frankreich zu einer Krise, und die Zustimmung zu ihm und seiner Regierung sank. Aus Sicht Englands war es nun an Frankreich, an einer Lösung mitzuarbeiten, und auch die USA wandten sich wieder Europa zu. Frankreich die Vorherrschaft auf dem Kontinent überlassen wollte keiner von beiden.

Die Reparationskommission setzte am 30. November zwei Sachverständigenausschüsse an. Ab August 1924 erarbeitete ein internationaler Gutachterausschuss einen Zahlungsplan, der nach seinem amerikanischen Vorsitzenden Dawes-Plan genannt wurde. Er verpflichtete Deutschland zu gewaltigen jährlichen Zahlungen, die sich ab 1928 steigern sollten; damit waren die Interessen der Alliierten gesichert. Deutschland bekam ein großes Auslandsdarlehen als Starthilfe, das Recht auf Sanktionen wurde eingeschränkt, und die Franzosen stellten die Räumung des Ruhrgebiets in Aussicht.

Die neue, provisorische Rentenmark stabilisierte sich schnell. Das Bankgesetz vom 30. August 1924 regelte das Währungssystem mit der Einführung der Reichsmark, gedeckt durch Gold, endgültig. Und auch im besetzten Gebiet wurde an diesem Tag die goldgedeckte Reichsmark eingeführt.

Abzug aus Königswinter

Mitte November 1924 zogen die Franzosen aus Königswinter, Honnef und dem ganzen rechtsrheinischen Gebiet zwischen den Brückenköpfen ab. Reichskanzler Marx und Präsident Herriot, die Außenminister Stresemann und Briand hatten es geschafft, eine Vertrauensbasis aufzubauen.

Verschiebung nach Rechts

Das gerade überstandene Krisenjahr 1923 warf lange Schatten: Bei der Reichstagswahl vom Mai 1924 brachen die Parteien der demokratischen Mitte und die gemäßigte Rechte ein. Die SPD erreichte nur noch die Hälfte ihrer Wähler von 1919, die USPD gibt es nicht mehr. Wahlsieger waren neben den deutschvölkischen am rechten und die KPD am linken Rand vor allem die rechte Deutschnationale Volkspartei (DNVP).

Im Dezember 1924 wurde erneut gewählt, diesmal erholten sich die Parteien der Mitte. Doch an der DNVP kam man nicht mehr vorbei. So wurde im Januar 1925 der parteilose Hans Luther Reichskanzle; in seinem Kabinett war die DNVP erstmals vertreten.

Ein Monarchist wird Reichspräsident

Friedrich Ebert verstarb 1925. Nach der Weimarer Verfassung wurde der Reichspräsident direkt vom Volk gewählt. Im zweiten Wahlgang am 26. April 1925 siegte der ehemalige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg als Kandidat der Rechten über Wilhelm Marx, den Kandidaten des „Volksblocks“. Dessen Lager war uneins: Die katholische Bayrische Volkspartei und rechte Zentrumspolitiker wählten lieber den preußischen Protestanten Hindenburg als den Katholiken Marx, der ein Wahlbündnis mit der SPD eingegangen war, und viele antiklerikale Sozialdemokraten hegten große Skepsis gegen den römisch-katholischen Marx.

Nun stand der überzeugte Monarchist Hindenburg als Reichspräsident an der Spitze der Republik. Zudem war er Ehrenmitglied des rechtsextremen Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten. Er leistete seinen Eid auf die Weimarer Verfassung und nahm ihn bis zuletzt ernst. Für viele Menschen wurde Hindenburg ein „Ersatzkaiser“, denn er verkörperte die konservative, nationale Tradition und mit ihm an der Spitze der Republik konnten sie sich arrangieren, auch wenn sie die Parteiendemokratie ablehnten. Auch die Reichswehr fühlte sich durch ihn enger mit dem Staat verbunden.

Stresemanns Verständigungspolitik

Die Außenpolitik Stresemanns war auf Ausgleich mit den Allliierten bedacht. Auch Frankreichs Außenminister Aristide Briand strebte Verständigung anstelle ewiger Feindschaft an. Am 14. Juli 1925 begann die Räumung des Ruhrgebiets, die 1921 besetzten Städte Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort wurden freigegeben.

Am 16. Oktober 1925 wurde der Vertrag von Locarno abgeschlossen, in dem Deutschland seine Westgrenzen laut Versailler Vertrag endgültig anerkannte, den freiwilligen Verzicht auf Elsass-Lothringen aussprach und die Entmilitarisierung des Rheinlandes für immer hinnahm. Deutschland gewann dafür Schutz gegen neue französische Übergriffe auf Rhein und Ruhr.

Für die Menschen in den besetzten Gebieten entspannte sich der Alltag durchaus. Die fremden Truppen wurden reduziert, die kommunale Verwaltung kam wieder in die eigenen Hände, und besetzte Wohnungen wurden freigegeben. Die Franzosen würden Bonn räumen.

Die Polen und Tschechoslowaken erhielten keine Garantie ihrer Grenzen – ein „Ost-Locarno“ gabt es nicht. Deutschland war  nur bereit, auf eine gewaltsame Revision der Grenzen zu verzichten, nicht aber auf eine friedliche.

Die Kölner Zone wird geräumt

Als erste Rheinlandzone wurde Ende 1925 die Kölner Zone geräumt. Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer war sicher hoch erfreut, doch auf Stresemann war er nicht gut zu sprechen. Das „Unstete, das Schwankende“ in Stresemanns Politik behagte ihm gar nicht.

Am 31. Januar 1926 fand im Beisein des Reichspräsidenten Hindenburg in Köln eine „Befreiungsfeier“ statt. Adenauer hält die Festrede. „Wir wollen gerecht sein, trotz allem, was uns widerfahren ist“, sagt er, „wir wollen anerkennen, dass der geschiedene Gegner auf politischem Gebiet gerechtes Spiel hat walten lassen.“ Hindensburgs Begleitung, die Truppen des Stahlhelms mit Flaggen, Sturmriemen und dem Hakenkreuz auf dem Helm, werden das wohl nicht so gesehen haben.

Deutschland im Völkerbund

Am 8. September 1926 wurde Deutschland in Genf in den Völkerbund aufgenommen. Am 10. Dezember 1926 bekamen Stresemann und Briand gemeinsam den Friedensnobelpreis. Doch nicht alle Menschen in Deutschland und Frankreich waren zur Verständigung bereit; Briand und Stresemann wurden in ihren Ländern zum Teil heftig angegriffen. Briand wurde wenig später durch Raymond Poincaré ersetzt, der seine Unnachgiebigkeit in der Ruhrkrise gezeigt hatte.

„Goldene Zwanziger Jahre“

Eine kurze Zeit wirtschaftlicher Erholung und politischer Stabilisierung war der Weimarer Republik vergönnt. Das sind die „Goldenen Zwanziger Jahre“. Die Wirtschaft erholte sich langsam, und die Menschen konnten sich ein bisschen Normalität gönnen: Kino, Radrennbahn, Baden oder Ausflüge mit dem Auto. Man konnte Max Schmelings Boxkämpfe und die ersten Länderspiele im Fußball live sehen oder im Radio verfolgen. Täglich gingen etwa zwei Millionen Menschen in die Kinos. Gut situierte Bürger besuchten die Opernhäuser und die Theater oder amüsierten sich in den zahlreichen Revuen, Tanzpalästen, Jazz-Lokalen und Bars der Großstädte. In Berlin tanzte eine schwarze Tänzerin, Josephine Baker aus Amerika, sogar nur mit einem Bananenröckchen bekleidet.

Vielerorts wurden Reihenhäuser und große Wohnsiedlungen mit begrüntem Umfeld und ausreichend Licht gebaut. Es waren Großprojekte des sozialen Wohnungsbaus, um möglichst viele Menschen aus dem Elend der Mietskasernen und Hinterhöfe zu holen. Rationellere Bauweisen sollten helfen, schnell und finanzierbar die große Wohnungsnot zu lindern. Auch erste Hochhäuser entstanden.

Kulturelle Blütezeit

Diese Jahre waren eine unglaublich innovative, kreative Zeit. Industrie und Wissenschaft gelangen sensationelle Fortschritte; zahlreiche Nobelpreise gingen nach Deutschland. Kunst und Kultur erlebten eine ganz neue Freiheit und Blütezeit. Die Vielfalt der Stilrichtungen war ein Kennzeichen der Weimarer Republik. Den Expressionismus fand man nicht mehr in der Malerei, sondern im Film und im Theater, dafür standen Filme wie „Das Kabinett des Dr. Caligari“. 1927 entstand Fritz Langs Film „Metropolis“. Auch „Dr. Mabuse“ gehört in die 20er Jahre.

In der Malerei dominierten der Surrealismus und die Neue Sachlichkeit. Kühl und nüchtern sollte die Wirklichkeit abgebildet werden. Otto Dix‘ Großstadttriptichon entstand. Zahlreiche Künstler waren politisch engagiert. George Grosz‘ malte die die Wirklichkeit schonungslos und pointiert, 1926 entstanden seine „Stützen der Gesellschaft“. John Heartfields Arbeit „Väter und Söhne 1924“ zeigt Paul von Hindenburg vor Soldatenskeletten, an denen Kinder in Uniform vorbeimarschieren.

Kanzler Marx

Wilhelm Marx leitete vier Kabinette. Bedeutende Gesetze wurden verabschiedet, auch für die Menschen wurde viel getan: 1927 kam die Arbeitslosenversicherung als vierte Säule der Sozialgesetzgebung hinzu, und in den Betrieben gab es Verbesserungen: Achtstundentag, bessere Schutzbestimmungen für Jugendliche und Mütter, Erholungsurlaub mit Lohnfortzahlung, neue Wohnungen und Erziehungshilfen, Vertretung durch Betriebsräte.

Doch das Regieren wurde für die republikanischen Parteien der Mitte immer schwieriger. Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) warb mit einem Plakat „Locarno?“ das einen farbigen französischen Soldaten drohend im Hintergrund einer Rheinlandschaft zeigte. Unter ihrem neuen Vorsitzenden, dem „Medienzaren“ Alfred Hugenberg, betrieb sie Fundamentalopposition gegen das „Weimarer System.

Große Koalition unter Hermann Müller

Die Reichstagswahl 1928 brachte der SPD einen klaren Sieg, und der DNVP eine herbe Niederlage. Nun regierte eine große Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller mit einer breiten Mehrheit im Reichstag. Doch die SPD-Minister standen zwischen ihrer Reichstagsfraktion und den Koalitionspartnern, die DVP orientierte sich immer mehr an der Wirtschaft, das Zentrum war zerstritten und ging immer mehr nach rechts, die ehemals liberale DDP war im Niedergang begriffen und suchte schließlich ihr Heil in einem Rechtsruck. Und dem Reichspräsidenten Hindenburg waren  Hermann Müller und seine Sozialdemokraten kaum genehm.

Bild- und Quellenachweis
Die folgenden Bilder stammen aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und stehen unter der Creative Commons Lizenz 3.0. Sie wurden im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Bundesarchiv und Wikimedia Deutschland aus dem Bundesarchiv für Wikimedia Commons zur Verfügung gestellt: Dankveranstaltung bei Friedrich Ebert, 1924 / Bundesarchiv, Bild 102-00488 / CC-BY-SA.

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