Wenn man an einem ruhigen Tag das Neue Palais im Park Sanssouci, Potsdam, besucht, spürt man seine Anwesenheit noch heute. Hier hat Wilhelm II. gelebt, hier hat er 1914 die "Proklamation über den Zustand drohender Kriegsgefahr" unterzeichnet.
Wilhelm ll.Der letzte Deutsche Kaiser war ein Mensch voller Widersprüche. Seine kraftmeierischen, oft entgleisenden Reden haben das Bild von ihm geprägt. Doch innerlich war er sehr unsicher; sein von Geburt an verkümmerter linker Arm ließ ihn keinen Frieden finden.
Wilhelm hat zeitlebens seine Mutter, Princess Royal Victoria von England, dafür verantwortlich gemacht, und auch sie fand nur selten ein gutes Wort über ihn. Sein Verhältnis zu seinen Eltern war Zeit seines Lebens schwer gestört. Die innigste Beziehung hatte er zu seiner Großmutter mütterlicherseits, Queen Victoria.
Wilhelm II. war zum Studium der Rechtswissenschaften an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn gegangen; außerdem hörte er aus Interesse naturwissenschaftliche und archäologische Vorlesungen. Wer mit den romanischen Kirchen im Rheinland vertraut ist, wird die "Verwandtschaft" zwischen dem Bonner Münster und der Berliner Gedächtniskirche gleich sehen.
Wilhelm II. sah sich selbst als Vertreter einer neuen Generation, als modernen und fortschrittlichen Herrscher, der gerne in dieser Zeit gewaltigen technischen Fortschritts lebte, an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert, in dem es immer weiter aufwärts gehen würde - "herrliche Zeiten" eben, die er ganz bewusst mitgestalten wollte. Für Otto von Bismarck war da kein Platz mehr; am 20. März 1890 wurde er entlassen. Das wilhelminische Deutschland war ein moderner Industriestaat; nach Jahrzehnten der Stagnation ging es in den 1890er Jahren endlich rapide aufwärts. Firmen wie Krupp und auch die Zukunftsindustrien Optik, Pharmazie und Elektrik trugen zum Wirtschaftsboom bei; der Kaiser suchte den Kontakt zu führenden Industriellen wie den Krupps. In Berlin und anderen Großstädten sah man Automobile, Straßenbahnen und elektrisches Licht.
ObrigkeitsstaatDoch der wirtschaftliche Fortschritt ging nicht mit politischem einher; das wilhelminische Deutschland war ein konservativer Obrigkeitsstaat. Trotz des pompösen Gebäudes galt der Reichstag als politische Institution kaum etwas. Nach dem Kaiser standen der Adel, die Militärs und die Besitzbürger an der Spitze der Gesellschaft; sie waren in der Regel ergebene Untertanen. Der Kaiser selbst trug stets Uniform, und auch für eine zivile Karriere war der Militärdienst Voraussetzung. Die Sozialisten waren Feinde des Reiches und wurden mit aller Macht bekämpft. Dabei sah Wilhelm das Elend vieler Menschen; er hatte eine Arbeiterdelegation empfangen, anstatt den Aufstand niederschlagen zu lassen. Als Bismarck ein neues, noch schärferes Sozialistengesetz vorschlug, lehnte Wilhelm ab; er wollte durch eine noch bessere Sozialpolitik die Ar-beiter für den Staat gewinnen. Politische Partizipation aber war undenkbar.
Belle ÉpoqueDie Zeit zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 nennt man auch Belle Époque. Es war die Zeit des Impressionismus und Expressionismus, des Historismus und Eklektizismus in der Architektur, als Abkehr davon der Jugendstil. In der Belle Époque genossen die Menschen das Leben - zumindest die, die es sich leisten konnten. Mata Hari trat 1908 in Berlin auf. Doch wenig später lief die Titanic auf einen Eisberg auf und sank. Der Glaube an den ungebremsten Fortschritt, daran, dass es immer bergauf gehen würde, endete jäh.
Drachenfelsbahn, Petersbergbahn und Heisterbacher TalbahnAuch am Rhein ließ es sich gut leben, und der Tourismus war zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden. 1883 fuhr die erste Zahnradbahn auf den Drachenfels, sie hatte eine Dampflok und war die erste Zahnradbahn in Deutschland überhaupt. Der Petersberg war von Anfang an eine feine Adresse. Um 1900 gab es bereits ein stattliches Hotel auf dem Petersberg, das 1914 vom neuen Besitzer Ferdinand Mühlens (4711) noch prunkvoller ausgebaut wurde. Auch zum Petersberg wurde eine Zahnradbahn gebaut, die von 1888 bis 1958 in Betrieb war.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Rheinprovinz ein dichtes Eisenbahnnetz. Die großen Linien führten durch Königswinter, doch die Dörfer im Bergbereich waren mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen. Das war misslich, denn viele Menschen mussten zur Arbeit in die neu entstandenen Fabriken im Talbereich oder in die Steinbrüche im Bergbereich, und das Gestein aus den Steinbrüchen musste talwärts transportiert werden. Deshalb wurde die Heisterbacher Talbahn (HTB) gebaut, die von 1891-1926 von Niederdollendorf durch Oberdollendorf am Kloster Heisterbach vorbei bis nach Grengelsbitze fuhr. Während sie unter der Woche hauptsächlich Gütertransport betrieb und die Berufstätigen zur Arbeit und zurück brachte, fand am Wochenende ein lebhafter Ausflugsverkehr statt.
Auch am Petersberg wurden Steinbrüche betrieben; hier wurde Basalt abgebaut, ein Stein, der auch größtem Druck standhält. Im Zuge des Straßen- und Eisenbahnbaus wurde der Abbruch immer intensiver. Schließlich alarmierten die Schäden an der Natur viele Menschen. Damals wurden zwei Vereine zum Schutz des Siebengebirges gegründet, die sich später zum VVS zusammenschlossen. Nun gab es einen Interessenkonflikt: den Interessen der Natur standen die Interessen der Betreiber, aber auch der Arbeiter in den Steinbrüchen entgegen. Vergessen wir auch nicht die mittelbar Betroffenen, etwa die Heisterbacher Talbahn, die hauptsächlich den Transport von Steinen betrieb. Schließlich wurde auch der Fremdenverkehr wichtig, denn viele Menschen hatten das Siebengebirge als Ausflugsziel für sich entdeckt und ließen viel Geld in den Hotels, Restaurants, Transportunternehmen usw. Nach langen Verhandlungen, Aufkauf von Gelände und juristischen Auseinandersetzungen wurde im April 1908 der letzte Steinbruch am Petersberg geschlossen. Doch in anderen Bergen ging der Steinbruch weiter, so etwa im Weilberg und im Stenzelberg, von denen uns heute kaum etwas geblieben ist.
Moderne KunstWilhelm II. lehnte die moderne Kunst seiner Zeit rundweg ab. Das galt für die Impressionisten, eher abfällig "Freilichtmaler" genannt, wie auch für die Literatur seiner Zeit. Nach der Uraufführung von Gerhard Hauptmanns Drama "Die Weber" im Deutschen Theater kündigte der Kaiser seine Loge; und viele seiner Untertanen stimmten ihm zu. Ob der Kaiser je ein Bild von August Macke gesehen hat? Macke lebte lange in Köln und Bonn; sein Bonner Wohnhaus, das August-Macke-Haus in der Bornheimer Straße, ist heute ein Museum und steht für Besucher offen. August Macke und sein enger Freund Franz Marc gehörten zur internationalen Künstlergruppe "Blauer Reiter", die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg einige große Ausstellungen hatte.
Ein "Platz an der Sonne"?Bismarck hatte stets außenpolitisches Gleichgewicht angestrebt, Deutschlands Sicherheit war Ziel seines kompliziertes Bündnissystems gewesen. Wilhelm II. griff offensiv in die Weltpolitik ein. Trotz der angespannten Lage verkündete er die deutschen Ansprüche auf Weltgeltung laut und säbelrasselnd. Noch heute prägen schlimme Reden wie die "Hunnenrede" während des Boxeraufstandes in China 1900 das Bild von ihm; damals trugen sie entscheidend dazu bei, dass ein hässliches Bild vom Kaiser und den Deutschen entstand. Zugleich begann ein gewaltiges Flottenbauprogramm; eine imponierende Kriegsflotte sollte Deutschlands Gegner abschrecken. Doch Großbritannien einigte sich mit Frankreich und Russland über den Kolonialbesitz, während Deutschland immer mehr in die Isolation geriet. Zuletzt konnte es nur noch auf Österreich-Ungarn zählen. 1907 standen sich zwei hochgerüstete Lager gegenüber: Die "Triple Entente" mit England, Frankreich und Russland und der "Dreibund" mit Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien. Zahlreiche Militärs rechneten mit einem Krieg.
Der "Blankoscheck"Am 28. Juni 1914 wurden der österreichische Thronfolger Franz-Ferdinand und seine Gattin Sophie in Sarajevo ermordet. Die Spuren des Attentats führten nach Serbien, zu einer radikalen nationalistischen Geheimorganisation. Obwohl sich schon bald erwies, dass die serbische Regierung keine Schuld traf, forderte die Kriegspartei in Wien, dass Serbien "als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet" werden müsste. Wilhelm II. stimmte zu und vermerkte in einer Randnotiz: "mit den Serben muss endlich einmal aufgeräumt werden". Mehr noch, er gab Kaiser Franz Joseph I. einen "Blankoscheck" in die Hand. In einem Schreiben des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg an den deutschen Gesandten in Wien vom 6. Juli hieß es, "Kaiser Franz Joseph könne sich darauf verlassen, dass S.M. (...) treu an der Seite Österreich-Ungarns stehen werde." Am 23. Juli stellte Österreich-Ungarn Serbien ein sehr scharf formuliertes Ultimatum. Obwohl die serbische Regierung auf fast alle Forderungen einging und sogar Wilhelm II. einlenkte, erklärte Österreich-Ungarn Serbien am 28. Juli den Krieg.
Am 30. Juli machte Russland mobil, daraufhin unterzeichnete Wilhelm II. die Proklamation drohender Kriegsgefahr. Am 1. August erklärte Deutschland Russland, am 2. August Frankreich den Krieg. Politiker und Militärs waren überzeugt, dass der Krieg zur Durchsetzung berechtigter Ansprüche zulässig wäre. Die Soldaten wollten für eine gute und gerechte Sache in den Kampf ziehen, viele meldeten sich freiwillig. "Abschied" ist August Mackes letztes Bild. Im August 1914 meldeten er und Franz Marc sich freiwillig an die Westfront. Sie kehrten nicht zurück. August Macke fiel am 26. September 1914 bei Perthes-les-Hurlus, Franz Marc am 4. März 1916 vor Verdun.
Bild- und Quellenachweis
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beim Manöver, junger deutscher Soldat an der Westfront..
Der Wikipedia-Artikel zu Wilhelm II o.g. Bilder finden sich unter Commons, Wilhelm II
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erwähnt.
Die folgenden Bilder stammen von www.zeno.org: Königswinter um 1900