Zwischen Revolution und Reichsgründung

In Schloss Babelsberg lernten sich Wilhelm I. und Bismarck kennen
In Schloss Babelsberg lernten sich Wilhelm I. und Bismarck kennen

Die Revolution 1848/49 war gescheitert, es folgten Jahre der Reaktion; Demokraten wurden verfolgt und schikaniert.

Deutschland, 1850er Jahre. In Preußen regiert Friedrich Wilhelm IV., in Österreich Kaiser Franz Joseph I. (1848-1916).

Die Zeit der Reaktion

Die Reaktion hatte gesiegt, unzählige Demokraten waren ins Ausland geflohen, unter ihnen die Bonner Gottfried Kinkel und Carl Schurz. Der Sieg der Reaktion hatte schwerwiegende Folgen. Nun wurde die Presse erneut streng zensiert, Versammlungen wurden verboten und Demokraten mussten mit Hausdurchsuchungen, Bespitzelung, Beschlagnahmung, ja sogar mit Polizeischikanen und Verhaftung rechnen*.

Nach der Niederschlagung des badisch-pfälzischen Aufstands war Wilhelm zum Militärgouverneur am Rhein und in Westfalen ernannt worden. Die Jahre von 1850-58 verbrachte er mit seiner Frau Augusta in Koblenz. Hier fand er zu einer gemäßigt-konservativen Haltung, und auch liberal denkende Menschen hofften auf ihn.

Unionspläne

Die Krone aus der Hand des Volkes hatte König Friedrich Wilhelm IV. abgelehnt, die Reichseinigung aber wollte er nicht aufgegeben, im Gegenteil: unter seiner Führung sollte eine Union der deutschen Staaten entstehen, in der sich die Herrscher aus freiem Willen zusammenschlossen. Um diesen Staat sollte sich dann ein weiterer Bund bilden, auch mit Österreich und seinen nichtdeutschen Ländern.

In Erfurt tagte schon ein „Parlament der deutschen Union.“ Doch Österreich und eine Anzahl anderer Staaten wollten keinen von Preußen dominierten Bund, und als auch Russland dagegen Front machte, muss der König von Preußen erst einmal klein beigeben. Mit der Olmützer Punktation vom 29. November 1850 bestätigte Friedrich Wilhelm IV., dass sich Preußen wieder in den Deutschen Bund einreihen würde.

In seinen letzten Lebensjahren erlitt Friedrich Wilhelm IV. mehrere Schlaganfälle und konnte seine Aufgaben nicht mehr wahrnehmen. 1858 dankte er zugunsten seines jüngeren Bruders Wilhelm I. ab, der als Prinzregent die Regierungsgeschäfte übernahm.

König Wilhelm I.

Nach dem Tod seines Bruders 1861 wurde Wilhelm in Königsberg zum König von Preußen gekrönt. Er berief liberale Minister. Doch zugleich plante er eine Heeresreform, die nicht nur eine Erhöhung der Friedensstärke des preußischen Heeres vorsieht, sondern auch eine Stärkung des Feldheers mit seinen meist adligen, konservativen Offizieren, die auf den König vereidigt waren. Die Reform ging also zulasten der Landwehr mit ihren überwiegend bürgerlichen Offizieren, die auf die Verfassung vereidigt waren.

Doch zunächst musste das Parlament den Verteidigungshaushalt bewilligen. Das Herrenhaus stimmte zu, doch das Abgeordnetenhaus war nur bereit, die Erhöhung der Friedensstärke mitzutragen. Bald spitzte sich der Konflikt so zu, dass Wilhelm an Abdankung dachte. In dieser Situation kam es wenig später zur ersten Begegnung mit Bismarck im Schloss Babelsberg.

Otto von Bismarck, der „Eiserne Kanzler“

Bismarck war seit 1847 konservativer Abgeordneter im preußischen Landtag und preußischer Gesandter am Bundestag in Frankfurt. Schon damals hatte sich seine politische Meisterschaft gezeigt. Offen vertrat Bismarck seine Grundhaltung: Österreich, der Vielvölkerstaat, soll53 dem überwiegend deutschen Preußen die Vorrangstellung in Deutschland abtreten. Bismarck, entschlossen, „die Macht der Krone gegen das Parlament zu behaupten“, war Wilhelms einzige Chance, seine Heeresreform durchzubringen und überhaupt mit Autorität weiter zu regieren. 1862 wurde er zum Ministerpräsidenten ernannt.

Deutsch-Dänischer Krieg (1864)

Als Dänemark Schleswig annektieren wollte, kämpften Preußen und Österreich gemeinsam und besiegten die Dänen bei den Düppeler Schanzen. Dänemark musste Schleswig-Holstein und Lauenburg als gemeinsamen Besitz an Österreich und Preußen abtreten; doch über die Verwaltung der beiden Herzogtümer gab es bald Streit. Bismarck war nun zum Krieg gegen Österreich und seinen Kaiser Franz Joseph I. entschlossen, obwohl sein König den drohenden „Bruderkrieg“ nicht wollte. Nur durfte Preußen nicht als Aggressor dastehen.

Bismarck stellte beim Frankfurter Bundestag den Antrag, ein deutsches Parlament in direkter, allgemeiner und gleicher Wahl zu berufen. Auch wenn es so klingt – der entschiedenste Gegner der Revolutionäre von 1848/49 hatte sich nicht ihre Forderungen zu Eigen gemacht, es war ein taktisches Manöver. Der Vielvölkerstaat Österreich konnte diesem Antrag nicht zustimmen, und er ließ sich provozieren und verlangte vom Bundestag eine Entscheidung über die Zukunft Schleswig-Holsteins, obwohl es dazu schon eine Abmachung mit Preußen gibt.

Deutscher Krieg (1866)

Nun ergab eine Handlung die nächste: preußische Truppen marschierten in Holstein ein, das unter österreichischer Verwaltung stand; der Bundestag ordnete die Mobilmachung des Bundesheeres an, Preußen trat aus dem Deutschen Bund aus.

1866 marschierten preußische Truppen in Sachsen, Hannover und Hessen ein; auch die mit Österreich verbündeten Mittelstaaten wurden schnell besiegt. Bei Königgrätz in Böhmen wurde das österreichische Heer entscheidend geschlagen. Im Frieden von Prag 1866 musste Österreich der Auflösung des Deutschen Bundes zustimmen; es verlor Schleswig-Holstein an Dänemark und Venetien an Italien. Hannover, Kurhessen, Nassau und die freie Reichsstadt Frankfurt fielen an Preußen. Österreich selbst orientierte sich nun nach Südosten und wird zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.

Norddeutscher Bund (1867)

Damit waren die östlichen und westlichen Provinzen Preußens verbunden, ein geschlossenes preußisches Staatsgebiet in Norddeutschland bis zum Main war entstanden. Preußen und die restlichen selbständigen Staaten nördlich des Mains schlossen sich 1867 zum Norddeutschen Bund unter Führung Preußens zusammen. Bismarck selbst entwarf die Verfassung; 1871 wurde sie für das Reich fast unverändert übernommen.

Deutsch-Französischer Krieg (1870/71)

Als Spanien im Juli 1870 einem Hohenzollernprinzen seine Krone anbot und dieser mit Zustimmung König Wilhelms annahm, kam es zu einer diplomatischen Krise. Der Prinz zogt sich bald darauf zurück, doch das reichte der französischen Regierung nicht: König Wilhelm sollte sich verpflichten, auch künftig keiner Kandidatur des Prinzen mehr zuzustimmen. Der König weilte gerade in Bad Ems zur Kur. Als der französische Botschafter ihm dort diese Forderung vortrug, wurde er höflich, aber bestimmt zurückgewiesen.

Wilhelm informierte Bismarck telegraphisch. Der Kanzler, ein Meister im Umgang mit der Presse, gab dem Telegramm aus Bad Ems „durch Streichungen, ohne ein Wort hinzuzusetzen oder zu ändern“ eine deutlich schärfere Fassung, und gab es in dieser Form als „Emser Depesche“ an die Presse. Beide Seiten waren empört; jetzt sollten die Waffen entscheiden. Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich den Krieg.

Überall in Deutschland war das Nationalgefühl stärker als alles andere. Als Wilhelm, Bismarck und Moltke auf dem Weg an die Front in Köln ankamen, wurden sie begeistert empfangen. Im September 1870 drangen preußische Truppen, unterstützt von Bayern und anderen deutschen Staaten, in Frankreich ein. Bald war die Hauptarmee der Franzosen in Metz eingeschlossen. Ein Entsatzheer wurde bei Sedan eingeschlossen und geschlagen. Fast die ganze Armee und Kaiser Napoleon III. gerieten in Gefangenschaft.

In Frankreich wurde die Republik ausgerufen, ein Volkskrieg gegen die feindlichen Truppen begann; erst Ende Januar 1871 kapitulierte Paris. Im Mai 1871 wurde in Frankfurt Frieden geschlossen, doch es waren sehr harte Bedingungen: Frankreich musste 5 Mia. Francs Kriegsentschädigung zahlen und Elsass-Lothringen abtreten – die Menschen wurden dabei nicht gefragt.

Reichsgründung

Nach dem Sieg bei Sedan warb Bismarck bei den deutschen Fürsten für ein vereintes Kaiserreich. Im patriotischen Überschwang gaben auch die zögernden Fürsten nach; als Ranghöchster trug Ludwig II. von Bayern Wilhelm die Kaiserwürde an. Erst danach kam eine Abordnung des Norddeutschen Reichstages – ein fundamentaler Unterschied zu 1848/49. Doch auch Wilhelm fiel es sehr schwer, „vom alten Preußen Abschied zu nehmen“, denn der Titel des „Königs von Preußen“ bedeutete ihm viel mehr als der neue des „Deutschen Kaisers“, mit dem er überhaupt nicht einverstanden war.

Am 18. Januar 1871, im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, wurde König Wihelm I. von Preußen in Gegenwart von Fürsten, Heerführern und Soldaten zum Kaiser Wilhelm I. ausgerufen. Das Deutsche Reich war ein Bundesstaat mit 25 Einzelstaaten; 22 Monarchien und 3 freien Reichsstädten, dazu das „Reichsland“ Elsass-Lothringen.

Bild- und Quellenachweis

Die Bilder stammen aus der Public Domain Section der Wikipedia.

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