Aufschwung und Stabilisierung

Berlin, Dankveranstaltung bei Friedrich Ebert
Berlin, Dankveranstaltung bei Reichspräsident Ebert

In den Jahren von 1924-1929 war der Weimarer Republik etwas Aufschwung und Stabilisierung vergönnt. Das sind die „goldenen“ Zwanziger Jahre. Nachdem das Krisenjahr 1923 überstanden war, kam mit der Rentenmark Hoffnung auf.

Der Kanzler im Radio

Am ersten Weihnachtstag 1923 sprach Reichskanzler Marx im Radio, es war die erste Weihnachtsansprache eines Kanzlers überhaupt. Er dankte dem Ausland für die Unterstützung der Notleidenden in Deutschland.

„Diese Hilfsbereitschaft menschlich Denkender in allen Ländern der Welt
ist wie ein Lichtzeichen, das uns Hoffnung leuchtet in der Finsternis.“


Reichskanzler Wilhelm Marx in seiner Weihnachtsansprache von 1923,
der ersten eines Kanzlers überhaupt

Doch die demoralisierten Menschen im besetzten Rheinland sahen noch kein Licht am Ende des Tunnels, denn hier gab es die neue gesunde Rentenmark noch nicht. Somit mussten sie weiter mit kommunalem Notgeld als Zahlungsmittel zurechtkommen und hoffen, dass man es im Reich akzeptierte.

Demoralisierte Rheinländer

Auf Marx‘ Schultern lastete eine gewaltige Aufgabe. Als Reichkanzler trug er die Verantwortung für das ganze Reich, aber er konnte doch nicht dafür den Kollaps des Rheinlandes in Kauf nehmen! Viele Rheinländer, demoralisiert durch Besatzung, den letztlich vergeblichen passiven Widerstand und die große Not, fühlten sich im Stich gelassen. Kaum jemand hatte Arbeit, und bei der verheerenden Inflation waren die Löhne schon am Abend des Zahltags nichts mehr wert. Die Unterstützung für Erwerbslose reichte kaum zum Leben, sofern die Händler und Bauern das fast wertlose Papiergeld überhaupt noch annahmen.

Die Rheinlandkommission hatte die Einführung der Rentenmark in den besetzten Gebieten untersagt, denn Tirard traute der Reichsregierung nicht. Finanzminister Luther sorgte sich um den Geldwert, denn damit die Rentenmark stabil blieb, musste sie knapp gehalten werden. In letzter Konsequenz müsste man sogar die Unterstützungszahlungen in die besetzen Gebiete einstellen. Nach zähen Verhandlungen hatte die Reichsregierung am 5. Dezember 1923 die Zahlung der Erwerbslosenfürsorge mindestens bis zu 31. März 1924 bewilligt.

Verschiebung nach Rechts

Doch das gerade überstandene Krisenjahr 1923 warf lange Schatten. Bei der Reichstagswahl vom Mai 1924 brachen die Parteien der demokratischen Mitte und die gemäßigte Rechte ein. Die SPD erreichte nur noch die Hälfte ihrer Wähler von 1919, die USPD gab es nicht mehr. Wahlsieger waren neben den Deutschvölkischen am rechten und die KPD am linken Rand vor allem die rechte Deutschnationale Volkspartei (DNVP).

Dawes Plan, 1924
Dawes Plan, 1924

Dawes-Plan

Die Reparationskommission setzte zwei Sachverständigenausschüsse ein. Ab August 1924 erarbeitete dann ein internationaler Gutachterausschuss einen Zahlungsplan, den man nach dem amerikanischen Vorsitzenden Dawes-Plan nannte. Er verpflichtete Deutschland zu gewaltigen jährlichen Zahlungen, die sich ab 1928 steigern sollten, so dass die Interessen der Alliierten gesichert waren. Außerdem bekam Deutschland ein großes Auslandsdarlehen als Starthilfe, das Recht auf Sanktionen wurde eingeschränkt, und die Franzosen stellten die Räumung des Ruhrgebiets in Aussicht.

Die neue, provisorische Rentenmark stabilisierte sich schnell. Das Bankgesetz vom 30. August 1924 regelte das Währungssystem mit der Einführung der Reichsmark, gedeckt durch Gold, endgültig. An diesem Tag wurde auch im besetzten Gebiet die Reichsmark eingeführt. Die junge Weimarer Republik konnte auf einen wirtschaftlichen Aufschwung und politische Stabilisierung hoffen.

Als im Dezember 1924 erneut gewählt wurde, erholten sich die Parteien der Mitte. Doch an der DNVP kam man nicht mehr vorbei. Folglich wurde im Januar 1925 der parteilose Hans Luther Reichskanzler, und in seinem Kabinett war die DNVP erstmals vertreten.

Abzug aus Königswinter

Mitte November 1924 zogen die Franzosen aus Königswinter, Honnef und dem ganzen rechtsrheinischen Gebiet zwischen den Brückenköpfen ab. Reichskanzler Marx und Präsident Herriot hatten es mit ihren Außenministern Stresemann und Briand geschafft, eine Vertrauensbasis aufzubauen.

Ein Monarchist wird Reichspräsident

Friedrich Ebert verstarb 1925. Nach der Weimarer Verfassung wurde der Reichspräsident direkt vom Volk gewählt. Im zweiten Wahlgang am 26. April 1925 siegte der ehemalige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg als Kandidat der Rechten über Wilhelm Marx, den Kandidaten des „Volksblocks“. Die Uneinigkeit innerhalb des Volksblocks hatte Marx Stimmen gekostet, denn die katholische Bayrische Volkspartei und rechte Zentrumspolitiker wählten lieber den preußischen Protestanten Hindenburg als den Katholiken Marx, der ein Wahlbündnis mit der SPD eingegangen war. Viele antiklerikale Sozialdemokraten hingegen hegten große Skepsis gegen den römisch-katholischen Marx.

Reichspräsidentenwahl 1925
Reichspräsidentenwahl 1925

Nun stand der überzeugte Monarchist Hindenburg als Reichspräsident an der Spitze der Republik. Zudem war er Ehrenmitglied des rechtsextremen Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten. Er leistete seinen Eid auf die Weimarer Verfassung und nahm ihn bis zuletzt ernst. Für viele Menschen wurde Hindenburg ein „Ersatzkaiser“, denn er verkörperte die konservative, nationale Tradition- Mit ihm an der Spitze der Republik konnten sie sich arrangieren, auch wenn sie die Parteiendemokratie ablehnten. Auch die Reichswehr fühlte sich durch ihn enger mit dem Staat verbunden.

Stresemanns Verständigungspolitik

Die Außenpolitik Stresemanns war auf Ausgleich mit den Allliierten bedacht. Auch Frankreichs Außenminister Aristide Briand strebte Verständigung anstelle ewiger Feindschaft an. Am 14. Juli 1925 begann die Räumung des Ruhrgebiets, die 1921 besetzten Städte Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort wurden freigegeben.

Am 16. Oktober 1925 wurde der Vertrag von Locarno abgeschlossen, in dem Deutschland seine Westgrenzen laut Versailler Vertrag endgültig anerkannte, den freiwilligen Verzicht auf Elsass-Lothringen aussprach und die Entmilitarisierung des Rheinlandes für immer hinnahm. Deutschland gewann dafür Schutz gegen neue französische Übergriffe auf Rhein und Ruhr.

Für die Menschen in den besetzten Gebieten entspannte sich der Alltag durchaus. Die fremden Truppen wurden reduziert, die kommunale Verwaltung kam wieder in die eigenen Hände, und besetzte Wohnungen wurden freigegeben. Die Franzosen würden Bonn räumen.

Die Polen und Tschechoslowaken hingegen erhielten keine Garantie ihrer Grenzen – ein „Ost-Locarno“ gabt es nicht. Deutschland war  nur bereit, auf eine gewaltsame Revision der Grenzen zu verzichten, nicht aber auf eine friedliche.

Die Kölner Zone wird geräumt

Als erste Rheinlandzone wurde Ende 1925 die Kölner Zone geräumt. Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer war sicher hoch erfreut, doch auf Stresemann war er nicht gut zu sprechen. Das „Unstete, das Schwankende“ in Stresemanns Politik behagte ihm gar nicht.

Am 31. Januar 1926 fand im Beisein des Reichspräsidenten Hindenburg in Köln eine „Befreiungsfeier“ statt. Adenauer hält die Festrede. „Wir wollen gerecht sein, trotz allem, was uns widerfahren ist“, sagt er, „wir wollen anerkennen, dass der geschiedene Gegner auf politischem Gebiet gerechtes Spiel hat walten lassen.“ Hindensburgs Begleitung, die Truppen des Stahlhelms mit Flaggen, Sturmriemen und dem Hakenkreuz auf dem Helm, werden das wohl nicht so gesehen haben.

Deutschland im Völkerbund

Am 8. September 1926 wurde Deutschland in Genf in den Völkerbund aufgenommen. Kurz darauf, am 10. Dezember 1926, bekamen Stresemann und Briand gemeinsam den Friedensnobelpreis. Doch nicht alle Menschen in Deutschland und Frankreich waren zur Verständigung bereit, und beide Außenminister wurden in ihren Ländern heftig angegriffen. Briand wurde wenig später durch Raymond Poincaré ersetzt, der seine Unnachgiebigkeit in der Ruhrkrise gezeigt hatte.

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