Revolutions- und Putschjahre

Siebengebirge Geschichte, Weimarer Repubik, Revolutions- und Putschjahre
Kapp-Putsch, Berlin 1920

Die Niederlage kam für die meisten Menschen überraschend. Nun muss Deutschland einen harten Friedensvertrag unterschreiben, die Alliierten besetzen das Rheinland. Viele Menschen fürchten eine Annexion durch Frankreich, es gibt Bestrebungen „Los von Berlin“. Die junge Weimarer Republik steht vor überwältigen Problemen, und die Extremisten von rechts geben den Demokraten die Schuld daran.

Deutschland 1919. Millionen Soldaten sind gefallen, Hundertausende Menschen verhungert oder an der Spanischen Grippe gestorben. Auf den Straßen sieht man Männer ohne Arme oder ohne Beine, die sich mithilfe eines Holzwägelchens mühsam fortbewegten; Männer, denen Gesichtspartien fehlten, und traumatisierte Menschen, die am ganzen Leib unkontrolliert zittern. Es gibt viel Hunger, Wohnungsnot und Verelendung.

Für die meisten Menschen kam die Niederlage völlig überraschend, denn bis zuletzt hatte die Kriegspropaganda den Sieg beschworen. Nun besetzen die Alliierten das linke Rheinufer und die „Brückenkopfe“ Köln, Koblenz und Mainz.

Die Nationalversammlung

Am 19. Januar 1919 findet die Wahl zur Nationalversammlung statt, und zum ersten Mal dürfen Frauen wählen. Die SPD wird zwar stärkste Fraktion, verfehlt aber die absolute Mehrheit und schließt sich mit dem Zentrum, der Bayrische Volkspartei (BVP) und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) zur „Weimarer Koalition“ von 1919 zusammen. In der Opposition sind die USPD und die KPD, die gemäßigt-konservative Deutsche Volkspartei (DVP) unter Dr. Gustav Stresemann und die weit rechts stehende Deutschnationale Volkspartei (DNVP).

Am 6. Februar 1919 kommt die Nationalversammlung in Weimar zusammen, denn in Berlin wird weiter gekämpft. Der Tagungsort hat den Namen der ersten deutschen Republik geprägt. Friedrich Ebert wird am 11. Februar 1919 zum Reichspräsidenten gewählt; dann übergibt der Rat der Volksbeauftragten (die Revolutionsregierung) seine Amtsgewalt an die Regierung Philipp Scheidemann, die erste demokratisch legitimierte Regierung Deutschlands.

Los von Berlin!

Viele Menschen im Rheinland befürchten eine Annektion durch Frankreich. Deshalb will man zu einem Ausgleich kommen, der ein friedliches Miteinander beider Länder ermöglicht. Am 1. Februar 1919 spricht der Kölner OB Konrad Adenauer vor Abgeordneten und Bürgermeistern der besetzten Gebiete: „In der Auffassung unserer Gegner ist Preußen der böse Geist Europas […] Würde Preußen geteilt werden, die westlichen Teile Deutschlands zu einem Bundesstaat, der ‚Westdeutschen Republik‘ zusammengeschlossen, so würde dadurch die Beherrschung Deutschlands durch eine vom Geiste des Ostens, vom Militarismus beherrschtes Preußen unmöglich gemacht.“

Seitdem ist Adenauer ein umstrittener Mann. Doch man muss genau hinhören: Er spricht von einer Loslösung des Rheinlands von Preußen, nicht von Deutschland – ihm geht es um einen westdeutschen Bundesstaat. Eine Abtrennung des Rheinlands gegen Recht und Gesetz oder gar den Anschluss an Frankreich lehnt er völlig ab. Anders denkt eine Gruppe um Dr. Hans Adam Dorten. Am 1. Juni 1919 besetzen er und seine Anhänger, unterstützt durch den General der französischen Besatzungstruppen, das Regierungsgebäude in Wiesbaden und rufen die Rheinische Republik innerhalb des Deutschen Reiches aus. Doch Streiks und Massendemonstrationen zwingen sie schon vier Tage später zum Abzug.

Was wird aus Preußen?

Auch jenseits des Rheinlandes ist die Zukunft Preußens ungewiss. Wie auf Reichsebene hat auch in Preußen ein Rat der Volksbeauftragten aus SPD und USPD die Regierung übernommen. Politiker der Linken und Mitte fürchten, dass die preußische Dominanz, die das Kaiserreich geprägt hat, eine zu schwere Belastung für die junge Republik sein würde. Vor allem die Sozialdemokraten um Otto Braun wollten Preußen erhalten und demokratisch neu gestalten, damit es als größtes Bundesland die junge Republik stützen konnte: „Das neue, das demokratische Preußen soll man nicht zerschlagen.“

Versailler Friedensvertrag

Seit 19. Januar 1919 tagen die Sieger des Ersten Weltkriegs in Versailles. Am 7. Mai 1919 werden der deutschen Delegation die Friedensbedingungen übergeben: Deutschland muss 1/8 seines Gebiets abtreten, u.a. Elsass-Lothringen und alle Kolonien, seine Truppenstärke reduzieren, Reparationen in noch nicht bezifferter Höhe zahlen und dazu den Kaiser, hohe Politiker und Militärs als Kriegsverbrecher ausliefern. Artikel 231 überträgt Deutschland die alleinige Schuld am Krieg und die Verantwortung für alle entstandenen Schäden.

Die Delegation in Versailles, die Regierung und die Menschen sind gleichermaßen empört und verzweifelt. Die Regierung Scheidemann tritt aus Protest zurück. Doch die Alliierten sind zu keinen Verhandlungen bereit, drohen sogar mit Krieg. Nach heftigen Debatten wird der Vertrag am 28. Juni 1919 unterschrieben.

Alliierte Rheinlandbesetzung

Der Versailler Vertrag legt auch die Modalitäten der „Friedensbesetzung“ des Rheinlandes fest. Angelehnt an die „Brückenköpfe“ werden drei Besatzungszonen gebildet: eine Kölner Zone (nördlichen Niederrhein und den Raum Aachen, Belgier und Briten), eine Koblenzer Zone (Amerikaner) sowie eine Mainzer Zone (Franzosen). Zudem unterstehen nun alle Verkehrswege des besetzten Gebietes einschließlich des Rheins der uneingeschränkten Befehlsgewalt der Alliierten. Zunächst ist eine Besatzungszeit von 15 Jahren vorgesehen, wobei die Räumung etappenweise erfolgen soll: Nach fünf Jahren Köln, nach zehn Jahren Koblenz, nach 15 Jahren Mainz – sofern sämtlicher Vertragsbestimmungen von Deutschland erfüllt werden.

Zur Umsetzung und Überwachung des Rheinlandabkommens schaffen die Alliierten als oberste Behörde die Rheinlandkommission mit Sitz in Koblenz. Ihr gehören Vertreter der Besatzungsmächte Frankreich, Belgien, USA und Großbritannien an, den Vorsitz führt der Vertreter Frankreichs, Paul Tirard.

Freistaat Preußen

Am 30. November 1919 beschließt die preußische Landesversammlung die Verfassung des Freistaates Preußen. Der Landtag wird in allgemeiner, freier und geheimer Wahl gewählt. Das Staatsministerium ist die oberste und leitende Behörde, es besteht aus dem Ministerpräsidenten mit Richtlinienkompetenz und den Staatsministern. Doch anders als im Kaiserreich ist der preußische Ministerpräsident nicht mehr in Personalunion Reichskanzler. Die preußischen Provinzen sind im Staatsrat vertreten, dessen Präsident von 1920 bis 1933 der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer ist.

Kapp-Lüttwitz-Putsch und Rote Ruhrarmee

Nach den Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrags müssen rund 300.000 Soldaten der Reichswehr und alle Soldaten der Freikorps entlassen werden. Vor allem die Freikorps fühlen sich von der Weimarer Regierung verraten, denn in ihrem Auftrag haben sie im Osten gekämpft und im Inneren Aufstände niedergeschlagen. Als auch die Einheit des Korvettenkapitans Hermann Ehrhardt aufgelöst werden soll, kommt es zum Putsch.

Am späten Abend des 12. März 1920 marschieren Kapitän Ehrhardt und General Lüttwitz mit ihren Truppen in Berlin ein, um die Regierung zu stürzen; ihr Kanzler ist der stramm rechte Landschaftsdirektor Kapp. Verteidigungsminister Noske will die Reichswehr einsetzen, doch der Chef der Truppenamtes, General von Seeckt, lehnt ab mit den Worten: „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr“. Doch auch Reichspräsident Ebert will Blutvergießen vermeiden, die Reichsregierung flieht nach Stuttgart und ruft zum Generalstreik auf. Bald treten überall im Land Menschen in Streik und protestieren gegen den Putsch. In Berlin nehmen weder die Regierungsbeamten noch die Reichsbank von Kapp Weisungen entgegen. Nach vier Tagen bricht der Putsch zusammen. Die Putschisten finden milde Richter. Noske muss seinen Posten räumen, und mit ihm tritt der republiktreue Chef der Heeresleitung zurück.

Im Ruhrgebiet, das seit 1919 nicht zur Ruhe gekommen war, wird aus dem Generalstreik ein Flächenbrand. Eine 50.000 Mann starke „Rote Ruhrarmee“ sammelt sich und erobert, unterstützt durch einen Bergarbeiterstreik, das ganze Ruhrgebiet. Es ist der größte bewaffnete Aufstand in der deutschen Geschichte. Der preußische Innenminister Severing (SPD) handelt ein Abkommen aus, doch dann verstreicht ein Ultimatum der Reichsregierung. Reichswehrtruppen und Freikorps schlagen den Aufstand blutig nieder. Tausende von kämpfenden Arbeitern, aber auch Frauen und Unbeteiligte werden zusammengeschossen, auch Verletzte, Gefangene, ja sogar Krankenschwestern.

Die schlimmen Ereignisse hinterlassen tiefe Spuren. Bei der Reichstagswahl im Juni 1920 verliert die Weimarer Koalition ihre Mehrheit. Die SPD bricht ein, viele ihrer Anhänger stimmen nun für die Unabhängigen Sozialdemokraten, die USPD. Die nächsten Kabinette sollten nicht länger als einige Monate im Amt sein.

Rheinlandfragen

Nach dem gescheiterten Putsch in Wiesbaden im Juni 1919 ist der bislang prominenteste Separatist Dorten für einige Monate weg vom Fenster. Vertreter der größeren Parteien treffen sich am 9. Juni 1921 in Königswinter und verabschieden eine Erklärung: für die nächste Zeit wollten sie auf jede Initiative zur Einleitung einer Volksabstimmung nach Artikel 18 Weimarer Verfassung – Neugliederung von Gebieten – im Rheinland verzichten.

Dafür macht nun Joseph Smeets mit seiner „Rheinisch-Republikanischen Volkspartei“ (RRVp) von sich reden. Er will einen unabhängigen Rheinstaat, der als Puffer zwischen Frankreich und Deutschland friedenssichernd wirken und dazu beitragen soll, den preußischen Militarismus zu zerschlagen. Die Gesellschaftsordnung in seinem Rheinstaat – Smeets ist ein Linker – soll sich ganz an den Arbeitern und Bauern orientieren.

Im Juli 1921 wird Smeets von der Staatsanwaltschaft Köln vorgeladen; er wird beschuldigt, in seinen Zeitungen einen Beamten beleidigt zu haben. Smeets beschwerte sich bei Rheinlandkommission, dass man ihn wegen einer politischen Meinungsäußerung verfolgte. Für gut anderthalb Jahre beschäftigt sein Fall die Kommission und zeigt deren Uneinigkeit: die Vertreter Frankreichs und Belgiens schützen Smeets, die Vertreter Großbritanniens und der USA halten es für falsch, in eine innerdeutsche Angelegenheit einzugreifen.

132 Millionen Reichsmark in Gold

Im Versailler Vertrag war die Höhe der Reparationszahlungen noch nicht beziffert worden. Im Januar 1921 verlangen die Alliierten ultimativ 226 Mia. Goldmark, dazu gewaltige Sachleistungen. Als die Regierung Constantin Fehrenbach ablehnt, besetzen alliierte Truppen kurzzeitig Düsseldorf und Duisburg. Die Regierung tritt zurück. Schließlich reduziert die Reparationskommission im Mai 1921 den geforderten Gesamtbetrag auf 132 Mia. Goldmark und macht weitere Zugeständnisse, stellt aber auch der neuen Regierung Joseph Wirth (Zentrum) ein Ultimatum. Der Regierung sieht keinen anderen Weg, als die Forderungen zu erfüllen und auf die Einsicht der Alliierten zu hoffen.

Rechte Kreise bekämpfen diese „Erfüllungspolitik“ auf das schärfste. Dabei ist auch Wirth erbost über das geringe Entgegenkommen der Alliierten. Im April 1922 gelingt es ihm und seinem Außenminister Walther Rathenau, mit Sowjetrussland den Vertrag von Rapallo zu schließen, in dem beide Staaten auf gegenseitige Kriegsentschädigungen verzichten und wieder diplomatische Beziehungen aufnehmen wollen. Doch das mildert den Hass der Rechten nicht.

„November-Verbrecher“ und „Erfüllungspolitiker“

Die radikalen Rechten hetzen gegen die Republik und die demokratischen Politiker; von Anfang an wird ihnen die Niederlage mit ihren bitteren Folgen angelastet. Gezielt verbreitet die ehemalige kaiserliche Heeresleitung das Gerücht, das deutsche Heer sei im Ersten Weltkrieg „im Felde unbesiegt“ geblieben und hätte durch die „Novemberverbrecher“, also die Verantwortlichen der Novemberrevolution von 1918, den tödlichen „Dolchstoß von hinten“ erhalten.

Mehr als jeder andere ist Matthias Erzberger ihnen verhasst. Er hatte 1917 die Friedensresolution eingebracht, 1918 den Waffenstillstand unterzeichnet und im Jahr darauf für die Annahme des Versailler Friedensvertrags gestimmt, und in einer mutigen Rede in der Nationalversammlung mit der OHL abgerechnet. Am 26. August 1921 wird er umgebracht.

Am 4. Juni 1922 entgeht Philipp Scheidemann nur knapp einem Blausäure-Attentat.

Kurz darauf, am 24. Juni 1922, wird Minister Walter Rathenau in Berlin erschossen. Sein Kanzler Joseph Wirth findet im Reichstag deutliche Worte: „Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!“ Die Morde sind das Werk der rechtsradikalen Geheimorganisation Consul, die von dem ehemaligen Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt geleitet wird. Es ist ein Schock für das ganze Land, und für einen Moment bringt die Empörung und Trauer die Menschen und auch die Parteien einander näher.

Abug der US-Amerikaner

Zur Jahresmitte 1922 zogen verbliebenen American Forces in Germany ab. Zum Bedauern ihres Kommandeurs Major General Henry T. Allen, der zwar die USA sobald als möglich entlasten wollte, jedoch den Frieden am Rhein und ein Wiederaufblühen von Handel und Wandel noch lange nicht gesichert sah. Während die Franzosen Hunderte Milchkühe forderten, schrieb er in sein Rheinland-Tagebuch*, versorgten die Amerikaner unterernährte Kinder. Noch immer war die Welt aus dem Gleichgewicht.

Ruhrbesetzung

Die Situation verschärft sich noch mehr, als Frankreich wegen ausstehender Reparationen das Ruhrgebiet besetzt: am 11. Januar 1923 marschieren 60.000, später 100.000 französische und belgische Soldaten im Ruhrgebiet ein, um den Zugriff auf die Kohlevorkommen zu sichern.

Die Reichsregierung Wilhelm Cuno ruft am 13. Januar zum passiven Widerstand auf: Anordnungen der Besatzer werden nicht befolgt, Generalstreiks legen Industrie, Verwaltung und Verkehr im Ruhrgebiet fast lahm. Auch Wirtschaftszweige, die vom Ruhrgebiet abhängen, kommen zum Erliegen. Doch der passive Widerstand fordert große Opfer; rund 150.000 Personen werden bestraft oder ausgewiesen. Etwa 2 Mio. Menschen haben kein Einkommen mehr. Trotz aller Aufrufe zur Besonnenheit kommt es auch zunehmend zu Sabotageakten und Anschlägen gegen die Besatzungstruppen, bei denen mehr als 100 Menschen ums Leben kommen.

Königswinter wird besetzt

In den besetzten Gebieten verschärfen sich die Spannungen zwischen den französischen Truppen und den Einheimischen. Am 25. Februar 1923 wird Königswinter von französischen Truppen besetzt. Allein in Bonn werden 350 Menschen abgeschoben. Viele junge Männer, die ausgewiesen wurden und von der „Ruhrhilfe“ leben, schließen sich separatistischen Gruppen an.

Inflation

Doch die Unterstützung der bedürftigen Familien verschlingt Unsummen, die die krisengeschüttelte Republik nicht aufbringen kann. Die Reichsregierung weiß sich nur noch mit der Ausgabe neuen Geldes zu helfen. Dabei steht Deutschland seit Jahren auch wirtschaftlich mit dem Rücken zu Wand, es ist hochverschuldet und kämpft gegen eine Inflation an. Damit sie ihren Verpflichtung nachkommen kann, hat die Regierung neue Banknoten drucken lassen und in Umlauf gegeben, auch wenn sie nicht ausreichend gedeckt sind. Schon kaufen gewiefte Geschäftsleute Sachwerte auf Kredit, um diese später dann mit entwertetem Geld zu tilgen. Das Vertrauen in die Mark schwindet, seit Mitte des Jahres 1922 gaben Kommunen oder Unternehmen „Notgeld“ aus. Je mehr Geld aber in Umlauf kommt, desto mehr verliert es an Wert, die Preise steigen schließlich an einem einzigen Tag mehrfach an.

Schließlich sinkt der Wert der Mark ins Bodenlose, die Wirtschaft bricht fast zusammen, und die Inflation vernichtet das wenige, was vielen Menschen nach dem Krieg geblieben war. Es ist unverantwortlich, den passiven Widerstand aufrecht zu erhalten, auch wenn es eine unpopuläre Entscheidung ist. Nach dem Rücktritt der Regierung Wilhelm Cuno erklärt der neue Reichskanzler Dr. Gustav Stresemann am 26. September 1923 den passiven Widerstand für beendet und verhängt den Ausnahmezustand für das ganze Reichsgebiet.

Rheinische Republik! Die Separatisten schlagen los

Inzwischen haben sich die separatistischen Parteien zur „Vereinigten Rheinischen Bewegung“ unter dem Vorsitz von Franz Josef Matthes zusammengeschlossen. In einigen rheinischen Städten schlagen sie los – bewaffnet und unter Duldung, ja sogar dem Schutz der französischen Besatzungstruppen. Am 21. Oktober besetzen sie Aachen, am 24. Oktober Bonn, am 25. Oktober schließlich Koblenz. Im Koblenzer Schloss wird eine „Vorläufige Regierung der Rheinischen Republik“ mit Matthes an der Spitze gebildet. Am 26. Oktober wird sie vom französischen Befehlshaber bestätigt, unter Achtung der bestehenden Autorität der Besatzungsbehörde.

Die „Vorläufige Regierung der Rheinischen Republik“ stellt eigene „Rheinland-Schutztruppen“ auf, denen sich die unterschiedlichsten Personen aus den unterschiedlichsten Gründen anschließen; unter ihnen sind viele, die aus dem Ruhrgebiet ausgewiesen worden waren: Menschen, die alles verloren hatten, aber auch kriminelle Elemente. Die Situation spitzt sich zu, als die Regierung in die Krise gerät und „Requirierungen“ anordnet. Nun ziehen die „Rheinland-Schutztruppen“ durch Städte und Dörfer und „requirieren“ Sachgüter und Lebensmittel in einem Ausmaß, das weit über ihren Bedarf hinausgeht.

Diese Plünderungen prägen das Bild, das die Menschen im Siebengebirgsraum von den Separatisten haben. Am 25. Oktober 1923 „überfallen“ Separatisten Königswinter, wie die lokalen Zeitungen berichten. Diese Wortwahl ist verständlich: Da rückt eine Gruppe überwiegend Ortsfremder in die Stadt ein, besetzt das Rathaus mit Waffengewalt und drangsaliert die Bürger – und das alles unter dem Schutz der französischen Soldaten.

„Roter Oktober“ in Sachsen und Thüringen

In Berlin steht die Reichsregierung mit dem Rücken zur Wand. In Sachsen und Thüringen will die KPD aus der Krise Profit schlagen. Ab September stellt sie mit Geld und Militärexperten aus Moskau „Proletarische Hundertschaften“ auf, insgesamt 50-60.000 Mann. Zudem tritt die KPD in Dresden und in Weimar in die SPD-geführten Landesregierungen ein. Für Reichspräsident Ebert und Reichskanzler Stresemann ist es untragbar, dass Kommunisten als geschworene Feinde der parlamentarischen Demokratie Staatsämter übernahmen. Daher verfügen sie die Reichsexekution gegen diese Länder, Ebert kommandiert Reichswehrtruppen nach Dresden und Weimar. Es kommt zu schweren Kämpfen mit vielen Toten und Verletzten.

Hitlerputsch in Bayern

In Bayern verweigern die weit rechts stehende Landesregierung und die dort stationierte 7. Reichswehrdivision der Reichsregierung die Anerkennung. Am 8./9. November putschen Hitler und Ludendorff. Die SPD-Fraktion im Reichstag ist empört, dass die Regierung Stresemann gegen linken Regierungen in Sachsen und Thüringen die Reichsexekution verfügt hat, nicht aber gegen die Rechtsdiktatur in Bayern. Am 2. November 1923 treten die SPD-Minister aus dem Kabinett aus; von nun an ist Stresemann Kanzler eines Minderheitenkabinetts auf Abruf.

Hoffen auf die Rentenmark

Im November ist die Mark auf ein Billionstel ihres Goldwertes gesunken, im Umlauf befinden sich 320 Trillionen Mark. Hilfe kann nur eine neue, gesunde Währung bringen. Mitte November führt Finanzminister Dr. Luther die Rentenmark ein. Die Reichsbank hat den Wechselkurs zur Papiermark auf 1:1 Billion zum 20. November festgesetzt, den Devisenkurs auf 4,2 Billionen Papiermark = 1 US-Dollar war, was der Vorkriegs-Goldmarkparität zum Golddollar entspricht. Die Rentenmark ist durch Sachwerte, Grund und Boden, gedeckt, was freilich eine Notlösung war. Die Ausgaben werden rigoros eingeschränkt, die Steuern erhöht – doch die Stabilität der Währung war für viele Menschen der erste Lichtblick zum Ende des Krisenjahres 1923.

Aber würden die Alliierten einer Einführung in den besetzen Gebieten zustimmen? Ohne Sanktionsmöglichkeiten, so fürchtet der französische Kommissar Tirard, könnte die Reichsregierung auch die neue Währung „verrecken“ lassen, um sich um die Reparationszahlungen zu drücken. Finanzminister Luther treibt die Sorge um den Geldwert um: damit die Rentenmark stabil bleibt, muss sie knapp gehalten werden. Und in letzter Konsequenz hieß dass, die Unterstützungszahlungen in die besetzen Gebiete einzustellen. In dieser schlimmen Lage wird in Berlin ernsthaft darüber nachgedacht, die besetzen Gebiete zumindest für einige Zeit ihrem Schicksal zu überlassen.

Kabinettskrise

Am 23. November verliert Reichskanzler Stresemann eine Vertrauensabstimmung im Reichstag und tritt zurück. Als Außenminister gehört er allen Regierungen bis zu seinem Tod 1929 an. Neuer Regierungschef wird der Kölner Wilhelm Marx (Zentrum).

Soll das Rheinland versacken?

Auf Marx‘ Schultern lastet eine gewaltige Aufgabe: Als Reichkanzler trägt er die Verantwortung für das ganze Reich, aber er kann doch nicht dafür den Kollaps des Rheinlandes in Kauf nehmen! Viele Rheinländer, demoralisiert durch Besatzung, den letztlich vergeblichen passiven Widerstand und die große Not, fühlen sich im Stich gelassen. Kaum jemand hatte Arbeit, und bei der verheerenden Inflation waren die Löhne am Abend des Zahltags bald nichts mehr wert. Die Unterstützung für Erwerbslose reichte kaum zum Leben – sofern die Händler und Bauern das fast wertlose Papiergeld überhaupt noch annahmen.

Nach zähen Verhandlungen bewilligt die Reichsregierung am 5. Dezember 1923 die Zahlung der Erwerbslosenfürsorge mindestens bis zu 31. März 1924. Der Kölner Oberbürgermeister Adenauer hofft, in Verhandlungen mit der Besatzungsmacht Frankreich eine einigermaßen verträgliche Lösung zu finden. Marx selbst ist skeptisch, weiß aber im Augenblick auch keinen besseren Rat und lässt Adenauer verhandeln. Außenminister Stresemann hingegen setzt ganz auf England und unterbindet bald darauf weitere Verhandlungen mit Frankreich. Adenauer und Stresemann sind nicht gut auf einander zu sprechen.

* Major General Henry T. Allen, My Rhineland Journal. Ihm verdanken wir auch die Rettung der Festung Ehrenbereitstein.

Bild- und Quellenachweis
Die folgenden Bilder stammen aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und stehen unter der Creative Commons Lizenz 3.0. Sie wurden im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Bundesarchiv und Wikimedia Deutschland aus dem Bundesarchiv für Wikimedia Commons zur Verfügung gestellt:
Kondolenzbesuch Friedrich Ebert, Ebert begibt sich in das Haus des ermordeten Rathenaus,
Bundesarchiv, Bild 102-00001A / CC-BY-SA 3.0.

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