Am Ende des Ersten Weltkriegs

Anstehen nach Brot
Anstehen nach Brot

Hunger und Not

Noch immer herrschte Kriegsrecht; auf einen maßvollen Frieden konnte man bestenfalls hoffen. Täglich starben hunderte Menschen an Unterernährung, Tuberkulose oder anderen Krankheiten. Viele standen stundenlang Schlange vor Lebensmittelläden und an den Armenküchen. Oft genug führte der Kampf ums nackte Überleben in die Kriminalität.

Viele Familien hatten jemanden verloren. Immer mehr invalide Männer kamen nun in die Heimat zurück. Auf den Straßen und Wegen sah man Männer ohne Arme oder ohne Beine, die sich mithilfe eines Holzwägelchens mühsam fortbewegten. Männer, denen Gesichtspartien fehlten. Traumatisierte Menschen, die einen „Nervenschock“ erlitten hatten, etwa durch die nahe Detonation einer Granate und seither am ganzen Leib zitterten. Die wenigsten bekamen eine angemessene Therapie; Prothesen gab es erst nach und nach. Was der Krieg in den Seelen der Soldaten angerichtet hatte, mochte man sich kaum ausmalen.

Waffenstillstandsgesuch

Anfang Oktober hatte das Deutsche Reich um Waffenstillstand ersucht, auf der Basis der 14 Punkte des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Gut einen Monat waren Noten hin und hergegangen. Wilson verlangte die Räumung der besetzten Gebiete und die Einstellung des U-Boot-Krieges; zudem würde er „mit den militärischen Beherrschern und monarchistischen Autokraten“ nicht verhandeln.

So würde ein demokratischer Politiker Deutschland vertreten, Matthias Erzberger vom Zentrum. Es war eine sehr schwere Aufgabe. Ganze Regionen im Nordosten Frankreichs und Belgiens waren zerstört, durch Minen und Giftgas auf Jahre hin eine lebensfeindliche Umgebung geworden. Noch im Rückzug hatten die deutschen Truppenführer angeordnet, alles niederzubrennen.

All dies war der Obersten Heeresleitung unter Ludendorff und Hindenburg wohl bewusst. Für die bitteren Folgen der Niederlage sollten nicht die Generäle des Kaisers. sondern die demokratischen Politiker geradestehen. „Sollen sie doch die Suppe auslöffeln, die sie uns eingebrockt haben“, so Ludendorffs zynischer Kommentar.

Parlamentarische Monarchie

Kaiser Wilhelm II. hatte den als liberal geltenden Prinz Max von Baden zum Reichskanzler ernannt, und der hatte in sein Kabinett Sozialdemokraten und Zentrumspolitiker aufgenommen. Vertreter der Mehrheits-SPD genau gesagt, denn über die Kriegskredite und damit die Zustimmung zum Krieg war die SPD zerfallen. Die Kriegsgegner hatten im April 1917 die Unabhängige-SPD gegründet kurz USPD. Seit Ende Oktober war das Deutsche Reich eine parlamentarische Monarchie; nach einer eiligen Verfassungsänderung war der Kanzler nicht mehr dem Kaiser, sondern dem Parlament verantwortlich.

Der Kaiser selbst hatte Berlin verlassen. Nun saß er im Hauptquartier der Obersten Heeresleitung im belgischen Spa und hoffte – in völliger Verkennung der Lage – dass er bald mit seinen Truppen in Berlin einmarschieren konnte. Prinz Max von Baden und der MSPD-Vorsitzende Friedrich Ebert drängten ihn, zugunsten eines Regenten abzudanken, um wenigstens die Hohenzollern-Monarchie zu retten. Doch Wilhelm II. lehnte ab.

Stimmung gegen den Kaiser

Vielen Menschen reichten diese Reformen aber nicht. Geprägt von den langen Kriegsjahren, übermenschlichen Anstrengungen, Hunger und Not wollten sie eine neue politische Ordnung. Der Kaiser, längst eine Randfigur im politischen Geschehen, hatte das Vertrauen der Menschen verloren. Auch in der Hauptstadt Berlin brodelte es. Die Linke um die „Revolutionären Obleute“ in den Großbetrieben und der Spartakusbund auf dem linken Flügel der USPD planten bereits einen Aufstand. Der Mehrheits-SPD und den Gewerkschaften vertrauten sie schon lange nicht mehr.

Matrosenaufstand in Kiel

Dann kamen immer mehr Nachrichten aus Kiel. Als die Admiralität eigenmächtig die Hochseeflotte in eine sinnlose letzte Schlacht gegen die Royal Navy schicken wollte, in den sicheren Tod, verweigerten die Matrosen den Befehl. Unterstützt von Soldaten, Hafenarbeitern und Bürgern kontrollierten sie nun Kiel und Wilhelmshaven; Arbeiter- und Soldatenräte wurden gebildet.

Aufstände im ganzen Land

Innerhalb weniger Tage kam es im ganzen Land zu Aufständen. Die regierenden Fürsten dankten ab, Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen die Macht, der Ruf nach Abdankung des Kaisers und Errichtung einer Republik wurde immer lauter. Fast überall gab es kein Blutvergießen und es kam auch nicht zu Übergriffen, Beschlagnahmungen und Besetzungen. Die Räte verstanden sich als demokratische Kontrollorgane in einer Übergangszeit; sie wollten im besten Interesse einer neuen, republikanischen Regierung handeln. Am 8. November hatte die Revolution auch unsere Region erreicht.

Bild- und Quellennachweis
Das Bild Anstehen nach Brot in Deutschland, 1914, Bundesarchiv, Bild 183-R00012 / CC-BY-SA 3.0/ stammt aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Creative Commons Lizenz 3.0. Es wurde im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Bundesarchiv und Wikimedia Deutschland aus dem Bundesarchiv für Wikimedia Commons zur Verfügung gestellt.
Die übrigen Bilder stammen aus der Public Domain Section.

 

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