Falke Gaillard von der Löwenburg

Unwetter über der Schafwiese, Remy und Falke Gaillard
Unwetter über der Schafwiese, Remy und Falke Gaillard

Die letzte Geschichte um Ritter Brexger von der Löwenburg aus der Zeit des Thronkriegs. Nach der Niederlage Kaiser Ottos IV. bei Bouvines war auch der Thronkrieg im Reich entschieden; der Weg war frei für den Staufer Friedrich II. Eine gefährliche Situation für den Grafen von Sayn und seinen treuen Ritter Brexger.

Längst waren die anderen Regionalfürsten, der Kölner Erzbischof und die Grafen von Berg, auf seine Seite gewechselt. Nur die Grafen von Sayn hatten noch zu Otto gehalten, und nun sahen sie und ihre treuen Burgleute auf der Löwenburg sich von Feinden umgeben.

Löwenburg, Spätsommer 2014

Auf dem Burghof sammelten sich die Burgleute um Burgherrin Marguerite und ihre Kinder, Remy und Clémence. Gleich würden sie aufbrechen zu einer gefährlichen Suche. Ein paar Tage zuvor war ein schweres Unwetter niedergegangen, seither war die Umgebung der Löwenburg sumpfig und nass, überall lagen umgestürzte Bäume, und viele Wege waren unpassierbar. Auch jetzt hingen Gewitterwolken tief über dem Siebengebirge, es blitzte und donnerte.

Doch Burgherr Brexger wurde vermisst.  Am Morgen war er aufgebrochen, um nach der Hütte des Schafhirten unterhalb der Löwenburg zu sehen. Nun war es Nachmittag, und er war immer noch nicht zurück. Auch sein bester Freund, der kleine Erddrache Siefnir, ließ sich nicht blicken. Dabei war er immer an Brexgers Seite. Dann zogen sie los. Auch die Kinder Remy und Clémence hatte darauf bestanden, sie zu begleiten.

Einige Tage zuvor ..

Auf der Wiese unterhalb der Löwenburg lebte ein alter Schäfer mit seinen Schafen. Remy und Clémence liebten die Schafe und verbrachten viel Zeit mit ihnen. Das Unwetter hatte auch hier gewütet, und das Dach des Stalles drohte einzustürzen. Die beiden hatten es gesehen und gleich ihren Vater alarmiert.

Brexger hatte sofort einen Reparaturtrupp zusammengestellt und war mit ihnen aufgebrochen. Einige der Männer kannte er, andere nicht. Er war froh, überhaupt Handwerker zu finden, die noch für ihn und die Sayner arbeiten wollten. Doch kam ihm eine der Gestalten bekannt vor, ein Mann mit fahlem Gesicht, der etwas verschlagen wirkte. Wie immer war Siefnir an seiner Seite. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Siefnirs Schuppen sträubten. Der Mann gefiel dem kleinen Drachen nicht.

Als sie den Stall einigermaßen abgesichert hatten, dämmerte es bereits, und sie machten sich auf den Heimweg zur Löwenburg. Am nächsten Tag würden sie den Rest machen.

Doch am nächsten Morgen brachten Burgleute eine schlimme Nachricht: „Herr, der Stall droht wieder einzustürzen!“ Alarmierte war Brexger losgerannt. Seither waren Stunden vergangen, und noch immer gab es keine Spur von ihm oder Siefnir.

Marguerites Sorgen

Auf dem Weg hinab von der Löwenburg war Marguerite ganz Burgherrin, umsichtig und beherrscht. Doch ihr Herz klopfte bis zum Hals, und das nicht nur wegen der Unwetterschäden. Viele Leute hatten offene Rechnungen mit dem Grafen von Sayn und suchten ihm und seinen Getreuen zu schaden.

Ihr alter Feind ist wieder im Land

Ein Trupp von Männern ihres alten Feindes Hohnfried waren vor kurzem durch die Region gezogen, um sich dem siegreichen Kölner Erzbischof anzudienen. Auf dem Weg hatten sie einige Male in Gasthäusern gegessen und gesoffen. Immer lauter hatten sie gefeixt, dass der Kaiser und sein treuesten Anhänger am Rhein nun am Ende waren.

Gedanken an Otto

In der Tat hatte sich Otto nach Köln zurückziehen müssen. Marguerite, die ihn aus ihrer Kindheit am angevinischen Hof in Poitiers kannte, fühlte mit ihm. Ausgerechnet dieser Mann, dessen Tapferkeit allseits gerühmt wurde. Nun häufte seine Ehefrau Maria von Brabant Spielschulden an. Noch drückten die Kölner ein Auge zu, doch machten sie klar, dass dies ihr letzter Gefallen für den machtlosen Kaiser wäre. Hohnfrieds Männer hatten Ottos Niederlage bei Bouvines immer weiter ausgeschmückt bis dahin, dass kein einziger Mitkämpfer aus dem Rheinland überlebt hatte.

Der Sohn des Schäfers wurde vermisst

Die Nachricht hatte den alten Schäfer sehr getroffen. Auch sein Sohn war mit den Rittern Walrams von Limburg nach Bouvines gezogen, so wie viele junge Männer, nachgeboreren Söhne oder arme Schlucker, die für sich zuhause keine Perspektive sahen. Den Schäfer hatte der Lebensmut verlassen; seine Gedanken verloren sich immer wieder auf dem fernen Schlachtfeld, wo sein Sohn vielleicht irgendwo verscharrt worden war. Feindliche Ritter nahm man in der Regel gefangen, um ein hohes Lösegeld einzustreichen, doch bei einem einfachen Burschen gab es nichts zu holen.

Sie alle hatten ihr Bestes getan, um ihm zu helfen. Brexger hatte gleich Boten nach Limburg geschickt, denn er wollte nicht glauben, dass keiner überlebt hatte.

Remy und Gaillard

Nun kam Remy neben sie, auf seiner Faust saß Gaillard, der Falke. „Kopf hoch, Maman“, sagte er, „wir werden Papa und Siefnir schon finden. Gaillard hat so scharfe Augen.“ Marguerite lächelte die beiden an. Seit über einem Jahr lebte Gaillard nun bei ihnen auf der Löwenburg. Der Falke war Remys bester Freund und längst ein Familienmitglied. Sie dachte daran, wie sie Gaillard kennengelernt hatten

Wie kam Gaillard auf die Löwenburg?

Das war auf dem Ritterturnier von St. Trond gewesen, vor etwas über einem Jahr. Ritter und Sänger aus Frankreich, Flandern und Nordwestdeutschland waren zusammengekommen, auch Kaiser Otto war dabei. Otto hatte Marguerite, Brexger und ihre Kinder noch einmal treffen wollen. Auf dem Weg zum kaiserlichen Zelt hatten sie die Falken gesehen. Remy hatte ihre stolze Haltung und die scharfen, klugen Augen bewundert, und war gleich fasziniert von ihnen, ganz besonders von einem älteren Falken, der sie seinerseits aufmerksam musterte.

Dann trafen sie den Kaiser. Ein wehmütiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Ritterturniere, das war auch seine Welt – als junger Mann hatte er viele Gegner aus dem Sattel gestoßen. Inzwischen hatte er so viele Schlachten geschlagen, dass er froh sein musste, überhaupt noch am Leben zu sein. Neben Otto stand ein grauhaariger Falkner mit dem älteren Falken auf der Faust. 

„Das ist mein lieber Falke Gaillard“, hatte Otto gesagt, „bitte nehmt ihn und seinen Falkner mit zu Euch“. Der Falkner hatte protestiert, Otto möge ihn bei sich behalten und auch den Falken, der ihn doch liebte. Gaillard, so hieß die Burg von Ottos Onkel Richard Löwenherz, wo die beiden  einst glückliche Tage verlebt hatten. Auch Otto war der Abschied schwer gefallen. Mit Blick auf Remy hatte er die Stimme gesenkt. „Mir ist wohler ums Herz, wenn ich Euch gut aufgehoben weiß“, hatte er gesagt, „wir wissen alle, dass es wieder Krieg geben wird.“

So waren Gaillard und der alte Falkner mit ihnen auf die Löwenburg gezogen. Dem hatte der alte Falkner noch sein ganzes Wissen weitergeben. Er sah Siefnir auch, war schließlich lange genug in der Umgebung eines Plantagenets gewesen.

Die Rettungsaktion

Endlich kamen sie am Stall an. Dort sah es fürchterlich aus. Überall war Matsch, umgestürzte Baumstämme, Wasserlachen und dazuwischen umgekippte Pfähle. Leicht konnte man einsinken, stürzen und sich verletzten. Wie sollten sie die beiden nur finden? Die Männer taten ihr Bestes, doch sie fanden keine Spur von Brexger oder Siefnir.  Bald würde es dunkel werden.

Gaillard war hoch in die Lüfte aufgestiegen und suchte die Umgebung ab. Auf einmal kam er zurück und ließ sich auf Remys Faust nieder. Er war sehr unruhig, schlug mit den Flügeln und krächzte unentwegt. „Gemach, Gaillard, hat Du sie gefunden?“ fragte Remy hoffnungvoll, „flieg‘ voraus, wir folgen Dir“.

Der Falke flog er voraus und Remy eilte hinterher, stolperte ein paar Mal, kletterte durch Baumstämme und Gestrüpp, und dann sah auch er es auch: durch Matsch und Gestgrüpp hindurch blitze eine Dracheschuppe auf. Schnell räumten sie den Unrat weg und gelangten zu Siefnir. Ein hatte eine riesige Beule am Kopf, doch er regte sich, kletterte er ins Freie und und führte sie zu der Stelle, wo Brexger lag.

Endlich konnten sie ihn befreien. Er war bewusstlos, doch er atmete. Als er sein Familie und Freunde um sich fühlte, kam er langsam zu sich, und berichtetet. Schon als er sich den Schaden angesehen hatte, war er das Gefühl nicht los geworden, dass da jemand nachgeholfen hatte. Und auf einmal war ihm klar geworden, wo er den verdächtigen Mann schon einmal gesehen hatte, nämlich im Trupp von Hohnfrieds Männern. Er hatte sich hinabgebeugt, um die Stelle genauer zu untersuchen, da hatte ihn von hinten ein Schlag getroffen.

„Dann hat Siefnir wohl ein fürchterliches Brummen losgelassen“, sagte er mit einem stolzen Nicken zu dem kleinen Drachen. „Da die Schurken ihn nicht sehen konnten, war es ihnen unheimlich, und sie sind geflüchtet. Siefnir wollte mir helfen, doch dann ist er so unglücklich gestürzt, dass er liegen blieb.“

Liebevoll schaute er seine Leute an. „Die Schurken dachten wohl, dass Kälte und Nässe  mir den Rest geben würden. Aber da haben sie die Rechnung ohne Euch gemach!“

Gute Nachrichten

Einige Tage später hatte sich Brexger gut erholt. Auch die Boten aus Limburg waren zurück, und sie hatten gute Nachrichten. Walram hatte überlebt, und seine Ritter und auch der Sohn des Schäfers waren freigekommen und auf dem Heimweg. 

Marguerite lächelte. Das war ganz Otto. Natürlich konnte er seine Gattin nicht öffentlich bloßstellen, doch er sah was vor sich ging und hatte rechtzeitig etwas Geld beiseite geschafft. Dann hatte er seine verbliebenen Verbindungen nach Frankreich bemüht, um sein Getreuen freizukaufen, und das galt auch für einen einfachen Burschen wie den Sohn eines Schäfers.

Schnell behob man den Schaden an den Ställen, und auch der alte Schäfer hatte wieder Mut gefasst und packte kräftig mit an. Dann waren die Ställe neu und chic, frisches Heu, die Schafe blöckten freudig.

Gaillard kam angeflogen und ließ sich auf Remys Faust nieder. Liebevoll schaute der ihn an.  „Friedrich II. wird wohl nicht unser Freund werden“, sagte er, „doch es heißt, dass er ein Freund der Falken ist. Gaillard, Du kannst ganz beruhigt sein.“

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