Wilhelminische Zeit

Kaiser Wilhelm, Rheinallee Königswinter
Kaiser Wilhelm, Rheinallee Königswinter

In diesem Kapitel geht es um die Regierungszeit Wilhelms II. bis zum Ersten Weltkrieg. Im Siebengebirge kämpfen Naturschützer gegen immer größere Steinbrüche. „Herrlichen Zeiten“ will Kaiser Wilhelm II. seine Untertanen entgegenführen.

Wilhelm II.

Der Kaiser war ein Mensch voller Widersprüche. Seine kraftmeierischen, oft entgleisenden Reden haben das Bild von ihm geprägt. Doch innerlich war er sehr unsicher; sein von Geburt an verkümmerter linker Arm ließ ihn keinen Frieden finden. Ein Gebrechen galt als Katastrophe für einen Herrscher. Wilhelm machte seine Mutter, Princess Royal Victoria von England, dafür verantwortlich, und auch sie fand nur selten ein gutes Wort über ihn. Sein Verhältnis zu seinen Eltern war Zeit seines Lebens schwer gestört. Die innigste Beziehung hatte er zu seiner Großmutter mütterlicherseits, Queen Victoria. Wilhelm studierte 1876-1879 an der Bonner Universität Rechtswissenschaften, aus Interesse hörte er auch naturwissenschaftliche und archäologische Vorlesungen.

High-Tech und Wirtschaftsboom

Der junge Kaiser sah sich selbst als Vertreter einer neuen Generation, als modernen und fortschrittlichen Herrscher, der gerne in dieser Zeit gewaltigen technischen Fortschritts lebte, an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert, in dem es immer weiter aufwärts gehen würde – „herrliche Zeiten“ eben, die er ganz bewusst mitgestalten wollte. Für Otto von Bismarck war da kein Platz mehr; am 20. März 1890 wurde er entlassen.

Das wilhelminische Deutschland war ein moderner Industriestaat; nach Jahrzehnten der Stagnation ging es in den 1890er Jahren endlich rapide aufwärts. Firmen wie Krupp und auch die Zukunftsindustrien Optik, Pharmazie und Elektrik trugen zum Wirtschaftsboom bei; der Kaiser suchte den Kontakt zu führenden Industriellen wie den Krupps. In Berlin und anderen Großstädten saht man Automobile, Straßenbahnen und elektrisches Licht.

Obrigkeitsstaat

Doch der wirtschaftliche Fortschritt ging nicht mit politischem einher; das wilhelminische Deutschland war ein konservativer Obrigkeitsstaat. Trotz des pompösen Gebäudes galt der Reichstag als politische Institution kaum etwas. Nach dem Kaiser standen der Adel, die Militärs und die Besitzbürger an der Spitze der Gesellschaft; sie waren in der Regel ergebene Untertanen. Der Kaiser selbst trug stets Uniform, und auch für eine zivile Karriere war der Militärdienst Voraussetzung.

Die Sozialisten galten als Feinde des Reiches und wurden mit aller Macht bekämpft. Dabei sah Wilhelm das Elend vieler Menschen; er empfing eine Arbeiterdelegation, anstatt den Aufstand niederschlagen zu lassen. Als Bismarck ein neues, noch schärferes Sozialistengesetz durchbringen wollte, lehnt Wilhelm ab; er wollte durch eine noch bessere Sozialpolitik die Arbeiter für den Staat gewinnen. Politische Partizipation aber war undenkbar.

Der Petersberg – eine feine Adresse

Auch am Rhein ließ es sich gut leben, und der Tourismus war zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden. Seit 1883 fuhr eine Zahnradbahn auf den Drachenfels, seit 1888 eine zweite zum Petersberg. Der war von Anfang an eine feine Adresse. Um 1900 gab es bereits das stattliche Hotel Nelles auf dem Petersberg, das 1914 vom neuen Besitzer Ferdinand Mühlens (4711) noch prunkvoller ausgebaut wurde.

Heisterbacher Talbahn

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Rheinprovinz ein dichtes Eisenbahnnetz. Die großen Linien führten durch Königswinter, doch die Dörfer im Bergbereich waren mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen. Das war misslich, denn viele Menschen mussten zur Arbeit in die neu entstandenen Fabriken im Talbereich oder in die Steinbrüche im Bergbereich, und das Gestein aus den Steinbrüchen musste talwärts transportiert werden.

Deshalb wurde die Heisterbacher Talbahn (HTB) gebaut, die von 1891-1926 von Niederdollendorf durch Oberdollendorf am Kloster Heisterbach vorbei bis nach Grengelsbitze fuhr. Während sie unter der Woche hauptsächlich Gütertransport betrieb und die Berufstätigen zur Arbeit und zurück brachte, fand am Wochenende ein lebhafter Ausflugsverkehr statt.

Steinbrüche im Siebengebirge

Die Rheinfront am Petersberg hatten Justizrat Humbroich und seine Mitstreiter retten können, doch an anderen Bergen im Siebengebirge gingen die Steinbrüche weiter. Am Petersberg selbst gab es weitere Steinbrüche, am Weilberg und Stenzelberg wurden Steine gebrochen, und ein riesiger Steinbruch bedrohte auch den Ölberg.

Im damaligen Oberpräsidenten der Preußischen Rheinprovinz, Berthold von Nasse, hatte der Verschönerungsverein für das Siebengebirge (VVS) einen wichtigen Verbündeten. Neue Eisenbahnstrecken in unserer Region genehmigte er nur, wenn sie das Siebengebirge nicht gefährdeten, solche zum Transport von Steinen gar nicht. Und ohne eine günstige Anbindung zum Transport der Steine lohnte sich ein Steinbruch nicht. Der Oberpräsident hatte sogar den Boykott von Basalt aus dem Siebengebirge organisiert, und viele rheinische Städte machten mit. Als Bauherrn im Straßen- und Wegebau waren die Rheinprovinz und die Städte ja Großabnehmer.

Engagierte Naturschützer

Auch der preußische Landwirtschaftsminister von Hammerstein stand auf der Seite der Naturschützer. Da es keine Naturschutzgesetze mit Sanktionsmöglichkeiten gab, blieb nur, möglichst viel Gelände und bestehende Steinbrüche im Siebengebirge aufzukaufen und sie dann stillzulegen. Dazu brauchte man Geld, viel Geld, und im schlimmsten Fall ein Enteignungsrecht.

1897 beantragte der VVS eine Geldlotterie und die Bewilligung des Enteignungsrechts bei der Königlich Preußischen Staatsregierung. Zudem machte er eine Immediateingabe an Kaiser Wilhelm II. gemacht. Es folgte ein langwieriges Verfahren, bei dem viele Interessen gegeneinander abgewogen werden mussten.

Eine Lotterie für das Siebengebirge

Im März 1899 kam dann über den Oberpräsidenten von Nasse der offizielle Bescheid: Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. hat dem VVS am 18. Januar 1899 für die Erhaltung des Siebengebirges eine Geldlotterie mit einem Reinertrag von 1.500.000 Mark genehmigt und auch das Enteignungsrecht verliehen. Ein Jahr später war genug Geld zusammengekommen, um weite Gebiete im Siebengebirge zu kaufen und zahlreiche Steinbrüche stillzulegen.

Nach langen Verhandlungen, Aufkauf von Gelände und juristischen Auseinandersetzungen wurde im April 1908 der letzte Steinbruch am Petersberg geschlossen. Doch an anderen Bergen im Siebengebirge gingen die Steinbrüche weiter, so etwa am Weilberg und am Stenzelberg, von denen uns heute kaum etwas geblieben ist.

Ein „Platz an der Sonne“?

Bismarck hatte stets außenpolitisches Gleichgewicht angestrebt, Deutschlands Sicherheit war Ziel seines kompliziertes Bündnissystems gewesen. Unter Wilhelm II. griff das Deutsche Reich offensiv in die Weltpolitik ein. Trotz der angespannten Lage verkündete der Kaiser die deutschen Ansprüche auf Weltgeltung laut und säbelrasselnd. Noch heute prägen schlimme Reden wie die „Hunnenrede“ während des Boxeraufstandes in China 1900 das Bild von ihm; damals trugen sie entscheidend dazu bei, dass ein hässliches Bild vom Kaiser und den Deutschen entstand.

Zugleich begann ein gewaltiges Flottenbauprogramm; eine imponierende Kriegsflotte sollte Deutschlands Gegner abschrecken. Großbritannien verbündete sich mit Frankreich zur Entente Cordiale, während Deutschland immer mehr in die Isolation geriet. Als Frankreich 1905 seinen Einfluss in Marokko stärken wollte, nutzte Kaiser Wilhelm II. eine seiner vielen Reisen und ritt selbst in Tanger ein, um dem Sultan von Marokko den Rücken gegen Frankreich zu stärken. Doch auf der anschließenden Konferenz von Algeciras schlugen sich England, Russland, die USA und sogar Italien auf Frankreichs Seite, allein Österreich-Ungarn unterstützte Deutschland – eine arge Schlappe für die Außenpolitiker in der Berliner Wilhelmstraße, die gehofft hatten, die Entente auseinander zu bringen.

Großbritannien baute nun seine Schlachtflotte weiter aus. Zu allem Übel aus deutscher Sicht fanden England und Russland einen Ausgleich über ihre kolonialen Interessen in Zentralasien; mit dem Anschluss Russland 1907 an England und Frankreich entstand die „Triple Entente“. Zuletzt konnte Deutschland nur noch auf Österreich-Ungarn zählen. Die Donaumonarchie aber drohte auseinander zu brechen.

Attentat in Sarajevo

Am 28. Juni 1914 wurden der österreichische Thronfolger Franz-Ferdinand und seine Gattin Sophie in Sarajevo ermordet. Die Spuren des Attentats führten nach Serbien, zu einer radikalen nationalistischen Geheimorganisation. Die Kriegspartei in Wien forderte, dass Serbien „als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet“ werden musste. Wilhelm II. stimmte zu und vermerkte in einer Randnotiz: „mit den Serben muss endlich einmal aufgeräumt werden“. Mehr noch, er gab Kaiser Franz Joseph I. einen „Blankoscheck“ in die Hand. In einem Schreiben des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg an den deutschen Gesandten in Wien vom 6. Juli hieß es: „Kaiser Franz Joseph könne sich darauf verlassen, dass S.M. (…) treu an der Seite Österreich-Ungarns stehen werde.“

Fußnote

Das Bild oben ist eine Collage, aber so unwahrscheinlich nicht.
Kaiser Wilhelm II. hat tatsächlich Geburtstag im Rheinhotel Loreley gefeiert.

Bild- und Quellenachweis
Die Bilder stammen aus der Public Domain Section der Wikipedia und von www.zeno.org.

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