Ära Bismarck

Außenpolitik

Das Deutsche Reich war ein neuer Machtfaktor in der Mitte Europas. Nun suchte Bismarck den Ausgleich mit den anderen europäischen Mächten. Seine Außenpolitik konzentrierte sich darauf, Deutschland auf dem europäischen Festland zu sichern. Sein Albtraum war ein Bündnis zwischen Frankreich und Russland, weil es im schlimmsten Fall einen Zweifrontenkrieg bedeuten würde. Über Jahrzehnte schaffte er ein hochkompliziertes Bündnissystem, das über 30 Jahre Frieden brachte. Er suchte die Freundschaft mit Österreich, ohne mit Russland zu brechen. Im Oktober 1873 schlossen Kaiser Wilhelm I. von Deutschland, Kaiser Franz Joseph I. von Österreich und Zar Alexander II. von Russland in Wien das Drei-Kaiser-Abkommen.

Nach Russlands Sieg über die Türken ordneten die Staatsmänner auf dem Berliner Kongress 1878 die Dinge auf dem Balkan neu. Doch Russland fühlte sich von Bismarck um seinen Sieg betrogen und kündigte das Drei-Kaiser-Abkommen auf. Deutschland und Österreich-Ungarn schlossen den Zweibund gegen Russland.

Dennoch wollte Bismarck nicht ganz mit Russland brechen. 1881 brachte er ein Drei-Kaiser-Bündnis zustande. Auch als es wenige Jahre später zerbrach, wollte Bismarck auf keinen Fall die Verbindung mit Russland abreißen lassen. 1887 gelang ihm der Abschluss eines Rückversicherungsvertrags, in dem sich die beiden Mächte wohlwollende Neutralität zusicherten, falls Deutschland von Frankreich oder Russland durch Österreich-Ungarn angegriffen würden. 1882 schloss sich Italien an; der Dreibund entstand.

Zur gleichen Zeit dehnten England, Frankreich und Russland ihren Kolonialbesitz in Übersee gewaltsam aus. Bismarck zögerte lange, doch 1884/85 erwarb auch Deutschland Kolonien: Togo, Kamerun, Südwest- und Ostafrika, Kaiser-Wilhelm-Land auf Neu Guinea, den Bismarck-Archipel und die Marshall-Inseln.

Sozialistengesetze (1878-1890)

Der Kulturkampf war gerade beigelegt, da begann Bismarcks erbitterter Kampf gegen die Sozialisten. Dabei sah er die Not der Arbeiter und hielt es für die Pflicht des Staates, ihnen zu helfen. Mit Ferdinand Lassalle hatte er Gespräche geführt, denn anders als Marx und Engels, die in jedem Staat den Klassenfeind des Proletariats sehen und daher die Weltrevolution forderten, kämpfte Lasalle mit seinem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein für Verbesserungen innerhalb des Staates. Doch Lassalle fiel 1864 in einem Duell.

Wilhelm Liebknecht und August Bebel hatten 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet. Ihre Ziele formulierte Bebel einmal so: „Das Deutsche Reich, in Wirklichkeit nur ein erweitertes Preußen, war ein Klassenstaat und ein Militärstaat, und da sie Feinde des Klassenstaates waren, mussten sie auch Feinde des Reiches sein.“ Auch nach dem Zusammenschluss mit den Anhängern Lasalles zur SPD 1875 in Gotha blieb es bei dieser Grundhaltung. Damit war für Bismarck jede Zusammenarbeit unmöglich geworden.

Als 1878 zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm verübt wurden, brachte Bismarck im Reichstag das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ ein, obwohl die Sozialisten keine Schuld traf. Es verbot alle sozialdemokratischen Vereine, Veranstaltungen, Presse und Bücher. In den folgenden zwölf Jahren wurden viele Sozialdemokraten zu Gefängnisstrafen verurteilt oder ausgewiesen. Doch das stärkte ihren Zusammenhalt und brachte ihnen neue Anhänger.

Sozialgesetzgebung

Bismarck sah seinen Staat in der Pflicht, von sich aus erfüllen, „was in den sozialistischen Forderungen als berechtigt erscheint und in dem Rahmen der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung verwirklicht werden kann“. Er stellte sich dieser gewaltigen Aufgabe, um die Not der Industriearbeiter und ihrer Familien zu lindern und sie für den Staat und das Reich zu gewinnen. Gegen heftigsten Widerstand von rechts und links brachte er 1883-89 seine Sozialversicherungsgesetze durch: Krankenversicherung, Unfallversicherung sowie Alters- und Invalidenversicherung. Hinzu kamen Schutzvorschriften, der Frauen- und Kinderarbeit wurden engere Grenzen gesetzt. Bismarcks Sozialgesetzgebung war die fortschrittlichste in ganz Europa, und doch sie konnte die Arbeiterschaft nicht mit dem Staat versöhnen, die SPD gewann immer mehr Stimmen.

Zahnradbahn zum Petersberg

Auch zum Petersberg wurde eine Zahnradbahn gebaut, 1888 war sie fertig und blieb bis 1958 in Betrieb.

Dreikaiserjahr

1888 starb Kaiser Wilhelm I. Nach 27 Jahren als Kronprinz erbte nun Friedrich III. den Thron. Doch er war todkrank; Kehlkopfkrebs ließ ihm nur noch wenig Zeit und er konnte den Trauerzug für seinen Vater vom Fenster des Schlosses Charlottenburg Schloss nur stumm grüßen. Schon 99 Tage später verstarb er in seinem geliebten Neuen Palais im Park Sanssouci in Potsdam. Nun folgte im „Dreikaiserjahr“ 1888 de facto der knapp dreißigjährige Enkel Wilhelm II. dem Großvater.

Bismarcks Entlassung

Trotz all seiner Verdienste war Bismarcks Zeit nun vorbei. Des jungen Kaisers neue Welt mit ihrem technischen Fortschritt, den Überseehäfen, Automobilen und ihrem Radau war ihm fremd. Sein Lebenswerk, die Reichsgründung, war getan, doch sein Kaiser und die vielen jüngeren Menschen im Reich wollten nicht nur das Erreichte bewahren und sichern. Deutschland war schon die „verspätete Nation“, nun sollte das Deutsche Reich, das herausragende wirtschaftliche und militärische Erfolge vorweisen konnte, auch einen angemessenen Platz unter den Weltmächten einnehmen.

Vor allem wollte der junge Kaiser nicht im Schatten des übermächtigen Kanzlers stehen. Bismarck wiederum, der fast dreißig Jahre lang der zweitmächtigste, wenn nicht gar der mächtigste Mann im Reich gewesen war, sah sich degradiert. Es kam zum Bruch, und am 20. März 1890 wurde Bismarck entlassen.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte er auf seinem Gut Friedrichsruh bei Hamburg, mit seiner Familie und seinen geliebten Doggen. Am 30. Juli 1898 verstarb er.

Zum Weiterlesen
BR alpha, vom Reich zur Republik, Die Reichsgründung

Preußenzeit
Preußische Rheinprovinz | Vormärz | Revolution 1848/49
Zwischen Revolution und Reichsgründung | Arä Bismarck | Wilhelminische Zeit

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