Vormärz

1819. der Denkerclub
1819. der Denkerclub

Rheinland, zu Beginn der „Preußenzeit“. Die Jahre zwischen 1815 und 1848 nennt man auch Vormärz, bezogen auf die Märzrevolution 1848.

Auf dem Wiener Kongress 1814/1815 hatten die Staatsmänner Europas die „alte Ordnung“ wiederhergestellt, wie sie vor der französischen Revolution und Napoleon bestanden hatte.

Das Deutschland jener Jahre war ein loser Staatenbund, der „Deutschen Bund“. Seine oberste Behörde war der Bundestag in Frankfurt. In ihm saßen nicht, wie heute, frei gewählte Volksvertreter, sondern Gesandte der Bundesstaaten, den Vorsitz hat Österreich. Kein Herrscher war bereit, zugunsten einer Zentralregierung zurückzustecken. In Artikel 13 der Bundesakte stand, dass alle Bundesstaaten eine Verfassung bekommen und das Volk durch seine Stände vertreten wird. Aber nur einige Mittel- und Kleinstaaten hielten sich daran.

Burschenschaften

Für Österreichs Staatskanzler Fürst Metternich bedeuteten Meinungsfreiheit, Presse- und Versammlungsfreiheit und das Streben nach nationaler Einigkeit Unruhe und Gefahr für die Sicherheit, deshalb mussten sie mit aller Gewalt unterdrückt werden.

Doch während der Franzosenzeit hatten die Ideen von bürgerlichen Rechten und Freiheiten und nationaler Einheit in West- und Mitteleuropa feste Wurzeln geschlagen. Ausgehend von Jena, schlossen sich viele Studenten in Burschenschaften zusammen. Sie trugen ein schwarz-rot-goldenes Band. Diese Farben, heute die der deutschen Flagge, waren während der Befreiungskriege die Farben des legendären Lützowschen Freicorps gewesen. Nun standen sie für die nationale und freiheitliche Bewegung in Deutschland. Im Oktober 1817 feierten Burschenschaftler auf der Wartburg den Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, und unter dem Jubel der Zuhörer forderten die Redner „Ehre, Freiheit, Vaterland!“

Die „Nacht auf dem Drachenfels“

Ein Jahr später, in der Nacht des 18.10.1818, feierten Studenten der Bonner Universität den Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig am Landsturmdenkmal auf dem Drachenfels. Mit dabei war der junge Student Heinrich Heine, und er schrieb darüber ein Gedicht. Eine Nacht hat er auf dem Drachenfels verbracht, dem Nordsturm getrotzt .. und sich am Ende den Schnupfen und Husten geholt. Man möchte ihm für den Schuss Ironie danken, der die Rheinromantik, und Heine liebte seine Heimat, nicht kitschig werden lässt. Doch zugleich war es ein politisches Gedicht, denn diese Feier war verboten. Die preußischen Behörden reagierten sofort und verboten den Studenten jede Teilnahme an Burschenschaften oder anderen Verbindungen.

Karlsbader Beschlüsse

In Wien verfolgte Staatskanzler Metternich die Ereignisse mit wachsendem Argwohn. Als dann im August 1819 der Schriftsteller von Kotzebue, politisch reaktionär und ein Zuträger des Zaren, von einem radikalen Burschenschaftler ermordet wurde, berief er eine Ministerkonferenz ins tschechische Karlsbad ein. Ergebnis sind die Karlsbader Beschlüsse, die, in vier Gesetze gefasst, auf der Bundesversammlung des Deutschen Bundes vom 20. September 1819 bestätigt wurden. Nun wurden die Burschenschaften verboten, Professoren und Studenten vom Staat überwacht, Zeitungen und Bücher zensiert. Verdächtige Personen wurden als Demagogen verfolgt; unter ihnen waren verdiente Männer wie der Freiherr von und zum Stein und General Gneisenau.

Das gebrochene Verfassungsversprechen

Während der Befreiungskriege hatte König Friedrich Wilhelm III. seinem Volk eine Verfassung versprochen. Zudem stand in Artikel 13 der Bundesakte des Deutschen Bundes, dass die Fürsten ihren Ländern eine Verfassung geben sollten. Doch inzwischen hat sich vieles geändert: Napoleon war besiegt, der Wiener Kongress hatte die alte Ordnung wiederhergestellt und die Heiligen Allianz bekräftigte sie. So rückte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen von seinem ohnehin nur halbherzigen Versprechen ab.

Dafür verfügte er 1823/1824 die Einrichtung von Landtagen in den preußischen Provinzen. Doch in ihnen saßen überwiegend Adlige und Großgrundbesitzer – die erhoffte Partizipation der Bürger am politischen Geschehen war das nicht. In Düsseldorf trat am 29. Oktober 1826 der erste Rheinische Provinziallandtag zusammen. So vertraut „der Landtag in Düsseldorf“ für uns klingt – in jener Zeit hatte er keine gesetzgebende Funktion und auch sonst wenig Befugnisse. Er beriet Gesetzesentwürfe, Petitionen und machte Vorschläge, doch die Entscheidungen trafen der König und die Regierung in Berlin.

Zollvereine

Das Deutschland jener Zeit bestand aus 39 einzelnen Staaten, dazu kamen die Großmächte Preußen und Österreich. Hinter jeder Staatsgrenze begann das Ausland; d.h. der Pass musste vorgelegt, Geld musste getauscht und Waren mussten verzollt werden. Die Kaufleute mussten sich zudem auf unterschiedliche Gewichte einstellen.

Das Königreich Preußen mit seinen weit auseinander liegenden Gebieten betrieb eine andere Wirtschaftspolitik; es förderte Wirtschaft und Handel und schaffte schon 1818 die Zölle im Inneren ab. 1828 schlossen sich Preußen und Hessen-Darmstadt zu einem Zollverein zusammen. Auch in Süddeutschland und Mitteldeutschland entstanden Zollvereine, doch zu einer Deutschland weiten Einigung fanden sich die Fürsten nicht bereit. Obwohl die Kleinstaaterei Wirtschaft und Handel auch erschwerten, wollen ihre Herrschaft nicht geschmälert sehen. Erst 1834 fanden sich die meisten deutschen Staaten zum Deutschen Zollverein unter Führung Preußens zusammen. Außen vor blieben vor allem Österreich, Hamburg und Bremen.

Juli-Revolution

Die Juli-Revolution 1830 in Frankreich bewegte die Dinge im übrigen Europa. Die überwiegend katholische Bevölkerung im Süden der Vereinigten Niederlande erhob sich gegen den überwiegend protestantischen Norden, so entstand 1831 das Königreich Belgien. Seine freiheitliche Verfassung wurde Vorbild für die Liberalen in Deutschland.

Auch Heinrich Heine schöpfte neue Hoffnung. Als Jurist bekam er wegen seiner jüdischen Herkunft und seines kritischen Geistes kein Bein auf die Erde, als Dichter machte ihm die Zensur schwer zu schaffen. Als „Die Nacht auf dem Drachenfels“ 1827 im „Buch der Lieder“ erschien, wurden seine Werke bereits zensiert. Nun reiste er nach Paris.

Hambacher Fest

Am 27. Mai 1832 feierten etwa 25.000 Menschen aus allen Volkskreisen, unter ihnen auch Franzosen, Polen und Italiener, auf der Maxburg im pfälzischen Hambach das Hambacher Fest. Unter dem Jubel der Teilnehmer forderten die Redner demokratische Rechte und Verbrüderung aller freien Völker: „Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland – Volkshoheit – Völkerbund hoch!“

Das war politischer Sprengstoff. Staatskanzler Metternich in Wien drang auf die Einhaltung der Karlsbader Beschlüsse. Der Bundestag in Frankfurt verabschiedete am 28. Juni 1832 den „Bundestagbeschluss über Maßregeln zur Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung und Ruhe in Deutschland“. Neue Demagogenverfolgungen begannen; Presse und Literatur wurden noch strenger zensiert.

Die Werke des „jungen Deutschlands“ werden verboten

Schon seit Jahren wurden Heinrich Heines Werke zensiert, 1833 wurden sie im Staat Preußen, und damit in seiner rheinischen Heimat, ganz verboten. Zahlreiche Dichter um ihn und Bettina von Arnim, Ferdinand Freiligrath, Georg Büchner, Georg Herwegh, Annette von Droste-Holshoff und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben wandten sich gegen die Restaurationspolitik, traten für demokratische Freiheitsrechte und soziale Gerechtigkeit ein. Dabei wählten sie unterschiedliche Ausdrucksformen und bildeten auch keine einheitliche Gruppe, insofern ist der zeitgenössische Begriff „Autoren des Jungen Deutschlands“ missverständlich. Den staatlichen Autoritäten war all das egal, mit Beschluss des Deutschen Bundestags vom 10. Dezember 1835 wurden alle Veröffentlichungen dieser Autorengruppe verboten. Heinrich Heine war in diesem Beschluss namentlich erwähnt; er entschied sich, für immer in Paris zu bleiben.

Göttinger Sieben

Welchen Schatz uns die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm mit ihrer Märchensammlung hinterlassen haben, begreift man vielleicht erst richtig, wenn man sich mit ihnen und ihrer Zeit beschäftigt. Hannovers neuer König hob die 1833 eingeführte, relativ liberale Verfassung wieder auf. Gegen diesen Rechtsbruch verwahrten sich sieben Professoren der Universität Göttingen, die „Göttinger Sieben“, unter ihnen die Brüder Grimm. Daraufhin verwies der König die Professoren des Landes, doch wo sie auch hin kamen, wurden sie herzlich und voller Bewunderung empfangen. Die Menschen sammelten sogar Geld für sie. Die Behörden aber reagierten verstockt; der preußische Innenminister sprach sogar vom „beschränkten Untertanenverstand“.

König von Gottes Gnaden – Friedrich Wilhelm IV.

Nach über vierzigjähriger Herrschaft war König Friedrich Wilhelm III. verstorben. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. (1840-1861) galt zu Beginn seiner Herrschaft als Hoffnungsträger. Aber er war tief durchdrungen vom Gottesgnadentum, er glaubte voll und ganz daran, dass ihm seine Macht und seine Aufgabe als König allein von Gott übertragen waren. Er hatte kein Verständnis für den Wunsch vieler Untertanen nach einer geschriebenen Verfassung.

Die Einberufung aller preußischen Provinzialstände zu einem Vereinigten Landtag 1847 war aus der Not geboren, denn die Krone brauchte Geld für den Eisenbahnbau. Keinesfalls sollte es eine gewählte Volksvertretung geben! Doch in den Provinziallandtagen saßen Adlige, Großbauern und städtische Grundbesitzer, nicht aber Vertreter der Landbevölkerung und der einfachen Leute in den Städten.

Industrielle Revolution und soziale Not

Um die Wende zum 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Technik, der angewandten Naturwissenschaften, angebrochen. Die Rheinprovinz war schon früh industrialisiert, ähnlich wie Berlin und Schlesien. Vorherrschend im Rheinland war die Textilindustrie, aber bald kam die Schwerindustrie hinzu. So erlebte der preußische Staat einen wirtschaftlichen Aufschwung, doch zugleich schon früh die durch die „Industrielle Revolution“ entstehenden sozialen Probleme. Je mehr Maschinen entwickelt und eingesetzt wurden, desto mehr Menschen verloren ihre Arbeit. Hungerlöhne, Frauen- und sogar Kinderarbeit änderten nichts daran.

Zugleich zogen unzählige verarmte Bauern und arbeitslos gewordene Handwerker in die Industriezentren in der Hoffnung, in den Fabriken Arbeit zu finden, was wiederum die Löhne drückte. Gesetzliche Bestimmungen zum Schutz der Arbeiter gegen die Ausbeutung gab es nicht, die Lebensverhältnisse waren verheerend. Trotz schwerster Arbeit waren viele Menschen nicht mehr in der Lage, den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu sichern.

Kaum Hilfe vom König

König Friedrich Wilhelm IV. im Potsdamer Park Sanssouci kümmerte sich wenig. Hilfe kam von weitblickenden Unternehmern wie Alfred Krupp, der Barmer Fabrikant Schuchard setzt sich gegen Kinderarbeit ein, Kirchenmänner wie Johann Heinrich Wichern, Adolf Kolping und der Bischof von Ketteler begannen Hilfsprojekte.

Immer mehr Menschen verelendeten. Es kam zu Aufständen von Arbeitern, sie zerstörten die Maschinen, die ihnen die Arbeit nahmen. Die Maschinenstürmer wurden schwer bestraft. Als sich im Sommer 1844 die schlesischen Weber erhoben, ließ die preußische Regierung sie von Soldaten zusammenschießen. Heinrich Heine schrieb sein Weberlied. Zunächst erschien es im Vorwärts!, zu der Zeit geleitet von Karl Marx. Schon bald wurde es verboten. Marx und sein lebenslanger Freund Friedrich Engels gingen nach London.

Auch die Landwirtschaft litt große Not, nach Missernten in den Jahren 1845 und 1846 kam es 1847 zu einer Versorgungskrise. Die preußische Regierung lieferte Kartoffel- und Getreide, dennoch litten viele Menschen Hunger. Den Gemeinden fehlte das Geld, um bedürftige Familien zu unterstützen. Viele Menschen wanderten aus. Karl Marx, gebürtiger Trierer, schrieb als politischer Journalist bei der „Rheinischen Zeitung“ in Köln über die verzweifelte Lage der Bauern in der Eifel und dem Hunsrück und der Weinbauern an der Mosel.

Deutschland. Ein Wintermärchen

Seit langem lebte Heinrich Heine nun in Paris. Der Emigrant Heine war sehr umstritten, man sprach ihm immer wieder die Vaterlandsliebe ab. Dabei war er seiner rheinischen Heimat tief verbunden. Was er fürchtete war ein Nationalismus, der Deutsche und Franzosen aufeinander einschlagen und sich „die Hälse brechen“ ließ, wie er es im Vorwort zu „Deutschland. Ein Wintermärchen“ schrieb. Den Vater Rhein ließ er sagen, dass er die militanten Rheinlieder überhaupt nicht mochte.

1843/44 reiste Heinrich Heine noch einmal nachhause, nach Deutschland, von dieser Reise erzählt das „Wintermärchen“. Es ist ein politisches Gedicht, in dem er gegen die Restaurationspolitik und König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen Stellung bezog.  Schon im Oktober 1844 wurde es verboten, gegen Heine erging Haftbefehl. Zugleich ist es ein persönliches Gedicht, durch Spott und Ironie hindurch fühlt man seine tiefe Verbundenheit mit der Heimat:

„Gib‘ dich zufrieden, Vater Rhein,
Denk nicht an schlechte Lieder,
Ein besseres Lied vernimmst du bald –
Leb wohl, wir sehen uns wieder.“

Aus Caput V.

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